„Sie haben in Ischgl Speichel ausgetauscht“

Politik / 26.03.2020 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Sie haben in Ischgl Speichel ausgetauscht“
Am 10. März wurden die Bar sowie andere Après-Ski-Lokale in Ischgl behördlich geschlossen, am 12. März die Skisaison beendet. APA

Berichte über ersten Coronafall Mitte Jänner. Internationale Medien schreiben von Tiroler „Beer Pong“.

Wien Après-Ski wie aus dem Bilderbuch. So hatte es sich der Däne Henrik Lerfeldt (56) in Ischgl vorgestellt und genau das bekommen, wie er CNN erklärt. Viele Menschen, viel Alkohol, nette Bedienungen.

Lerfeldt wurde vier Tage nach seiner Heimreise krank. Wie er steckten sich Hunderte andere Urlauber aus Deutschland, Island, Norwegen, Dänemark und England mit Covid19 an. Zu den Infizierten zählt vermutlich auch der 50-jährige Daren Bland aus East Sussex. Er könnte Patient null in Großbritannien gewesen sein, wie der Telegraph berichtet. Pikantes Detail: Bland soll sich bereits Mitte Jänner in Ischgl angesteckt haben. Das heißt, das Virus hätte sich deutlich früher in England ausgebreitet, als bisher bekannt. Bland hat unter anderem die Bar „Kitzloch“ besucht. „Sie war gerammelt voll, die Leute sangen und tanzten auf den Tischen“, berichtet der 50-Jährige. Auch an „Beer Pong“-Spiele erinnert er sich, scheinbar nach Ischgler Art. Die Menschen hätten dabei Tischtennisbälle in den Mund genommen und in die Biergläser gespuckt. Es gäbe keinen besseren Ort für ein Virus, um sich zu verbreiten, sagt Bland.

Eineinhalb Monate später, Anfang März, hatte Island die Tiroler Behörden vor Corona in Ischgl gewarnt. Das Land stritt das ab. Am 7. März kam heraus, dass ein Barkeeper des „Kitzloch“ positiv auf Covid19 getestet worden war. Die Landessanitätsdirektion bezeichnete eine Übertragung des Coronavirus auf andere Gäste aber als unwahrscheinlich.  Am 10. März wurden die Bar sowie andere Après-Ski-Lokale behördlich geschlossen, am 12. März die Skisaison beendet. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft zum Verdacht, dass in einem Lokal schon Ende Februar ein Covid19-Fall bekannt gewesen, aber nicht gemeldet worden war.  Wo genau, ist unklar.

Die Aussagen des Briten Bland könnten nun beweisen, dass das Coronavirus tatsächlich schon früher in Ischgl umhergegangen ist. Er war mit drei Freunden unterwegs. Alle hatten danach klassische Symptome, einer von ihnen ist sogar schwer erkrankt. Bland steckte seine Frau und seine zwei Kinder an. Ob es sich tatsächlich um Covid19 handelte, müsste ein Test beweisen.

„Sie haben in Ischgl Speichel ausgetauscht“
Die britische Sun publizierte eine Grafik über die Heimatländern jener Touristen, die sich mit Covid-19 infizierten haben und zuvor in Ischgl waren.

Der dänische Infektionsexperte Jan Pravsgaard Christensen ist überzeugt, dass die Warnung Islands in Tirol gehört werden hätte müssen, sagt er CNN. Zu Beginn hätten die Experten kaum Einblicke in die Ereignisse in Ischgl gehabt. Dann sei aber zutage getreten, was in den Bars tatsächlich los gewesen ist. Die Menschen hätten beim „Beer Pong“-Spielen Speichel ausgetauscht. Der infizierte Däne Henrik Lerfeldt berichtet außerdem von „Kitzloch“-Kellnern, die sich mit Trillerpfeifen den Weg durch die Menschenmassen gebahnt hätten. Die Trillerpfeifen seien auch von Kunden benutzt worden. Unter anderem pfiffen sie in jene des erkrankten Barkeepers, sagt Lerfeldt: „Niemand wusste, dass er krank war.“

Links zu den Internationalen Medienberichten

CNN https://edition.cnn.com/2020/03/24/europe/austria-ski-resort-ischgl-coronavirus-intl/index.html

Telegraph https://www.telegraph.co.uk/global-health/science-and-disease/uk-patient-zero-east-sussex-family-may-have-infected-coronavirus/