Vormarsch der Taliban

Islamisten nehmen weitere Provinzhauptstädte in Afghanistan ein.
Kundus Schekib Salarsai braucht nicht viele Worte, um zu beschreiben, wie es in seiner Heimatstadt Kundus nun aussieht. “Totales Chaos”, berichtet Salarsai, einer von 370.000 Menschen, die in der Großstadt im Norden Afghanistans leben, am Telefon. “Die Leute von der Regierung sind geflohen. Die Taliban haben Häftlinge aus dem Gefängnis entlassen. Wir haben weder Wasser noch Strom. Die Straßen sind gesperrt. Keiner kann die Verletzten in die Krankenhäuser bringen.” In verschiedenen Teilen brennt die Stadt.
Nach zwei Tagen heftiger Kämpfe haben die militant-islamistischen Taliban die Provinzhauptstadt am Sonntag erobert – einer ihrer wichtigsten Erfolge, seit die internationalen Truppen mit ihrem Abzug begonnen haben.
Der Verlust von Kundus wiegt für Afghanistans Regierung schwer. Die Stadt ist ein wichtiges Handelszentrum nahe der Grenze zu Tadschikistan. Die Taliban hatten sie bereits 2015 und 2016 kurzzeitig eingenommen. Beide Male wurden sie mit US-Luftangriffen zurückgedrängt. Auch aktuell fliegen die USA Luftschläge. Noch. Denn die US-Truppen sind praktisch schon abgezogen. Die Flieger steigen außerhalb Afghanistans auf. “Das heißt: Es gibt nicht mehr genügend Mittel, um jede angegriffene Stadt des Landes zu verteidigen”, schreibt die “New York Times”. In weniger als drei Wochen endet die US-Militärmission offiziell.
Am Freitag war schon Sarandsch in Nimrus an der iranischen Grenze gefallen. Am Samstag folgte Schiberghan in Dschausdschan im Norden. Fast zeitgleich mit Kundus nahmen die Islamisten Sar-i Pul ein, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Norden, später am Sonntag noch Talokan ebenfalls im Norden.
Salarsai, der Mann aus Kundus, sagt, die Polizisten hätten ihre Waffen niedergelegt und liefen in ziviler Kleidung herum. Die Nachbarn seien dabei, ihre Sachen zu packen. Sie hätten Angst.