Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Boris says „sorry“

Politik / 03.02.2022 • 17:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der britische Premierminister Boris Johnson trat am Montag ans Rednerpult des voll besetzten Unterhauses und sagte, mit treuherziger Miene unter dem wirren Blondschopf: „Sorry“. Dies gleich mehrmals.

Der mit Spannung erwartete Bericht der Spitzenbeamtin Sue Gray zu „Partygate“ hatte dem Premier und seinen Mitarbeitern „Mängel an Führung und Urteilskraft“ attestiert. Der Bericht der Polizei, mit möglichen strafrechtlichen Konsequenzen, ist noch ausstehend.

Neun von zehn Briten fordern den Rücktritt des Premiers.”

Das mit Abstand beliebteste Wort der englischen Sprache ist „sorry“. Ein Zauberwort, weit wirkungsvoller als das schwerfällige deutsche „Entschuldigung“. Die Engländer in ihrer sprichwörtlichen (leider nicht immer praktizierten) Höflichkeit sind bekannt dafür, dass sie selbst dann sicherheitshalber „sorry“ sagen, wenn ihnen ein anderer auf den Fuß steigt. „Sorry“ entschuldigt alles und jedes – präventiv und im Nachhinein, ungezogene Hunde und schlechtes Wetter. Forscher haben ermittelt, dass Briten durchschnittlich acht Mal täglich „sorry“ sagen und einer von acht Briten (Frauen nachweislich öfter als Männer) gebraucht das Wort 20 Mal täglich. Auf 15 britische „Sorry“ kommen lediglich zehn amerikanische. Und bei alledem hat der Begriff „sorry“ – ganz im Gegenteil zum Pfund Sterling – seinen Kurswert über die Jahrhunderte hinweg beibehalten. Verstärkt wird „sorry“ durch entsprechende Zusätze – häufig „so sorry“ oder die geballte Ladung des „terribly sorry“.

Die Empörung, die Boris Johnson in seiner schwersten Stunde entgegenschlägt, ist enorm: Die Labour-Opposition ist in Aufruhr, bei den „Tory“-Hinterbänklern herrscht eisiges Schweigen, nur die „Frontbench“ der Regierungsmitglieder entschuldigt stoisch das Unentschuldbare. Angeblich fordern jetzt neun von zehn Briten den Rücktritt des Premiers. Theresa May, Boris Johnsons Vorgängerin als Premierministerin und von ihm aus dem Amt geputscht, sah die Stunde der Rache gekommen. Im Parlament lief sie zu jener rhetorischen Höchstform auf, die ihre Vorgängerin Margaret Thatcher ausgezeichnet hatte: Der Gray-Bericht zeige auf, dass Downing Street die vom Premier selbst erlassenen Covid-Beschränkungen nicht befolgte. „Der Premierminister hat diese Regeln entweder nicht gelesen oder deren Bedeutung nicht verstanden oder er glaubt, dass sie für Downing Street nicht gelten.“ Und sie schließt, messerscharf: „Which was it?“