Russland rückt in der Ostukraine vor

Politik / 19.04.2022 • 16:16 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ein zerstörter Panzer bei Moschtschun <span class="copyright">AP Photo/Efrem Lukatsk</span>.
Ein zerstörter Panzer bei Moschtschun AP Photo/Efrem Lukatsk.

Russische Truppen haben ihre Angriffe in der Ostukraine verstärkt und dabei offenbar Geländegewinne erzielt.

Kiew So übernahmen sie laut örtlichen Behörden die Kontrolle über die Stadt Kreminna. Ukrainische Medien berichteten am Dienstag über eine Reihe von teils heftigen Explosionen entlang der Frontlinie in der östlichen Region Donezk und über Beschuss in Marinka, Slawjansk und Kramatorsk. Moskau sprach von Luftangriffen auf mindestens 60 Ziele.

Am Dienstag übernahmen russische Truppen die Kontrolle über Kreminna. Die Stadt mit ursprünglich mehr als 18.000 Einwohnern sei von allen Seiten angegriffen worden, teilte der Gouverneur des ostukrainischen Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj, mit. Die ukrainischen Streitkräfte hätten sich zurückziehen müssen und würden nun neue Stellungen beziehen, um ihren Kampf fortzusetzen.

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In der Nacht auf Dienstag flog Russland Dutzende Luftangriffe in der Ostukraine. “Hochpräzise luftgestützte Raketen” hätten 13 ukrainische Stellungen in Teilen des Donbass getroffen, darunter die wichtige Stadt Slowjansk, so das russische Verteidigungsministerium. Nach Angaben des Ministeriums zerstörten russische Truppen zwei Lagerhäuser mit Sprengköpfen von taktischen Totschka-U-Raketen in Tscherwona Poljana in der Region Luhansk und in Balaklija in der Region Charkiw.

Mariupol bleibt umkämpft

Im seit Wochen von der russischen Armee belagerten Mariupol halten die Straßenkämpfe nach Angaben der ukrainischen Behörden weiter an. “In Mariupol wird gekämpft”, sagte der ukrainische Gouverneur der Region Donezk, Pawlo Kyrylenko, am Dienstag im US-Sender CNN. “Es finden Straßenkämpfe statt, und dies nicht nur mit Kleinwaffen, sondern es gibt auch Panzerschlachten auf den Straßen der Stadt.” In den Stahlwerken der Stadt verschanzen sich Hunderte ukrainische Kämpfer.

Stadtviertel, in denen viele ukrainische Kämpfer seien, stünden unter “schwerem Beschuss, doch die Verteidigung hält stand”, meinte Kyrylenko. “In einigen Stadtteilen gehen die Straßenkämpfe weiter.” Man könne “nicht sagen”, dass diese von der russischen Armee kontrolliert würden. Die Angaben konnten von unabhängiger Seite nicht verifiziert werden.

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums hatten sich in der vergangenen Woche rund tausend ukrainische Soldaten nach der wochenlangen Belagerung der Stadt ergeben. Nach Angaben der pro-russischen Separatisten in der Region Donezk verschanzen sich aber weiterhin Hunderte ukrainische Kämpfer in den Mariupoler Stahlwerken. Nach Angaben der städtischen Behörden befinden sich in den unterirdischen Anlagen der Stahlwerke auch mindestens tausend Zivilisten.

Russland: “Neue Phase”

Nach Angaben des russischen Außenministers Sergej Lawrow hat Russland mit einer neuen Phase des Einsatzes in der Ukraine begonnen. “Ich bin sicher, das wird ein wichtiger Moment in dieser gesamten Spezial-Operation”, sagte Lawrow in einem Interview mit dem Fernsehsender India Today weiter.

Ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zeigte sich unterdessen sicher, dass Russland mit seiner Offensive im Donbass scheitern werde. Die Offensive laufe nur “sehr vorsichtig” an, sagt Olexij Arestowytsch. Den russischen Streitkräften fehle aber die Stärke, um die ukrainischen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Sie versuchten derzeit, die “sensitiven Stellen” in der ukrainischen Defensive zu finden, meinte Arestowytsch. “Ihre Offensive wird scheitern, da gebe ich Ihnen eine 99-prozentige Garantie.”

Ziel des russischen Vorstoßes im Luhansker Gebiet sei, die ukrainischen Truppen in den Städten Rubischne, Lyssytschansk und Sjewjerodonezk zu isolieren, so Arestowytsch. Im Charkiwer Gebiet würden 25.000 Mann der russischen Armee von Isjum aus in Richtung Slowjansk und Kramatorsk im Donezker Gebiet angreifen. Auch bei Awdijiwka nahe Donezk werde eine Offensive versucht. Russische Artillerieangriffe nahe Mykolajiw und Charkiw dienen aus seiner Sicht vor allem dazu, um ukrainische Truppen niederzuhalten.

Gräber bei Irpin. <span class="copyright">REUTERS/Gleb Garanich</span>
Gräber bei Irpin. REUTERS/Gleb Garanich

Hajdaj sprach von einer “schwierigen Situation”. “Unsere Verteidiger halten die Verteidigungslinie”, erzählte er im ukrainischen TV. Angriffe bei Rubischne und Popasna seien zurückgeschlagen worden. Gleichzeitig rief er die verbliebenen Einwohner auf, sich in Sicherheit zu bringen.

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu sah in den Entwicklungen der vergangenen Wochen die Notwendigkeit, das Militär seines Landes weiter zu perfektionieren. Die USA und andere westliche Länder täten alles dafür, mit ihren Waffenlieferungen an die Ukraine den russischen Einsatz zu verlängern, wird Schoigu von den Nachrichtenagenturen Tass und RIA zitiert. Damit werde die Regierung in Kiew dazu provoziert, “bis zum letzten Ukrainer zu kämpfen”.

Kiew berichtete unterdessen von einem weiteren Gefangenenaustausch. “Heute haben wir 60 Soldaten ausgetauscht, darunter zehn Offiziere”, teilte Vize-Regierungschefin Iryna Wereschtschuk mit. Darüber hinaus seien Kiew 16 Zivilisten übergeben worden. Wie viele Russen im Gegenzug ausgetauscht wurden, sagte sie nicht.

Am späten Montagabend hatte die ukrainische Seite bekannt gegeben, dass die russische Offensive im Osten der Ukraine begonnen habe. Die “Schlacht von Donbass” habe begonnen, sagte Selenskyj in einer Videoansprache. Russland führt seit mehr als sieben Wochen einen Angriffskrieg in der Ukraine. Die Vereinten Nationen haben bisher rund 2100 getötete Zivilisten erfasst. APA