Aus für Kleinschulen: „Es stirbt ein weiteres Stück Dorf“

Politik / 09.09.2022 • 18:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Bis zuletzt gelang es nicht, eine Lehrperson für die Volksschule in Wald am Arlberg zu finden. Nun muss sie schließen. <span class="copyright">Doris Burtscher</span>
Bis zuletzt gelang es nicht, eine Lehrperson für die Volksschule in Wald am Arlberg zu finden. Nun muss sie schließen. Doris Burtscher

Mit den Volksschulen sind viele Erinnerungen verbunden.

Dalaas „Verschwindet nun auch die Schule, stirbt ein weiteres Stück Dorf.“ Das sagt der freie Journalist und Autor Gerald Drißner zu der Tatsache, dass seine einstige Volksschule in Wald am Arlberg zusperren muss. Auch Neos-Gründer, Unternehmer und Publizist Matthias Strolz besuchte einst die Kleinschule. „Wenn sie die Pforten schließt, tut das weh. Die Schule war natürlich immer eine Institution und ein Symbol des Miteinanders, weil hier eine Generation versammelt wird.“

Der frühere Neos-Chef besuchte als Kind die kleine Volksschule in Wald am Arlberg. <span class="copyright">VOL.at</span>
Der frühere Neos-Chef besuchte als Kind die kleine Volksschule in Wald am Arlberg. VOL.at

Wald am Arlberg ist mit dem Schicksal nicht alleine. Ebenso Partenen verliert seine Volksschule – zumindest vorübergehend, wie es heißt. Bis zuletzt war es nicht möglich, neue Lehrpersonen für die Standorte zu finden. In Wald am Arlberg hatten die Schülerinnen und Schüler sogar selbst dafür Werbung gemacht. In beiden Dörfern zusammen sind 27 Kinder betroffen, die nun auf einen anderen Standort ausweichen müssen. Manche freuen sich, bald Teil einer größeren Klassengemeinschaft zu sein, andere sind zutiefst betrübt, erzählt Stephan Sahler. Seine Söhne sind zwei von 15 Kindern aus Partenen, die nun in die Volksschule Gaschurn wechseln müssen. Die zwölf Kinder aus Wald am Arlberg kommen in die Volksschule Daalas.

Auch Landesrat Christian Gantner war einst Schüler in Wald am Arlberg.<span class="copyright"> VOL.at/Mayer</span>
Auch Landesrat Christian Gantner war einst Schüler in Wald am Arlberg. VOL.at/Mayer

Viele prominente Schüler

Ihre – nun geschlossene – Schule ist mitnichten unbekannt. Sie zählt prominente Schüler, wie eben Neos-Gründer Strolz, Journalist Drißner, den Musiker Markus Wolfahrt und Landesrat Christian Gantner (ÖVP), der bis 2018 Bürgermeister von Dalaas gewesen ist. Sein Nachfolger Martin Burtscher ist enttäuscht, dass die Volksschule in Wald am Arlberg nicht gehalten werden konnte.

Strolz bei seiner Erstkommunion in Wald am Arlberg im Jahr 1981. <span class="copyright">Matthias Strolz</span>
Strolz bei seiner Erstkommunion in Wald am Arlberg im Jahr 1981. Matthias Strolz

Clusterlösung als Rettungsanker

„Ich finde schade, dass es in der Region zu keiner Clusterlösung gekommen ist, sodass es zum Beispiel eine Leitung für mehrere Schulstandorte gibt. Das wurde vor Jahren abgelehnt“, bedauert Strolz. Die Clusterlösung sei aber der einzige Weg, Kleinschulen zu erhalten. „Lehrpersonen würden so entlastet und nicht noch zusätzlich mit der Schulleitung betraut. Kooperation ist das Gebot der Stunde. In anderen Bereichen wird das bereits gelebt. Das ist keine Raketenwissenschaft. Man muss es einfach tun“, ist der Neos-Gründer überzeugt. Vorbilder gebe es genug: „Wenn ich Fußball spiele, gibt es keinen eigenen Verein für Wald am Arlberg, sondern der Fußballclub organisiert sich ortsübergreifend.“ Auch im Tourismus passiere das seit Jahrzehnten. „Nicht jedes Dorf macht seine eigene Werbung, sondern regionale Räume schließen sich zusammen und stärken einander so wechselseitig.“ Eine solche Lösung für die Schule wäre auch im Sinne der Dörfer und Gemeinden, sagt Strolz. „Sicher ist es bitter, wenn der letzte Lebensmittelversorger im Ort schließt. Noch bitterer ist es, wenn die Schule stillgelegt werden muss. Das ist kein Ausdruck von Lebendigkeit.“

Strolz im Alter von 10 oder 11 Jahren bei der Bürgermusik in Wald am Arlberg.
Strolz im Alter von 10 oder 11 Jahren bei der Bürgermusik in Wald am Arlberg.

Der Volksschule vieles zu verdanken

Gerald Drißner hat der Schule in Wald am Arlberg jedenfalls vieles zu verdanken, wie er erzählt. Heute lebt der freie Journalist in Berlin. Zuvor machte er in Ländern wie der Türkei, Ägypten, Tunesien und Griechenland Halt und verfasste mehrere Bücher – dazu zählen Werke zur arabischen Sprache oder zur Reiseliteratur. Als Kind in Wald am Arlberg habe er sich nicht nur täglich auf die Schule gefreut, sondern auch auf seine Mitschülerinnen und Mitschüler, „die jeden Tag in diesem Raum mit dem beneidenswerten Ausblick saßen, die mehr oder weniger gleich alt waren“, erinnert sich Drißner. Mit ihnen fühle er sich bis heute verbunden. „Auch wenn ich nach der Matura aus diesem engen Tal geflohen bin und wir alle verschiedene Wege eingeschlagen haben.“ Diese Verbundenheit aus Kindheit und Jugend sei etwas, was viele Großstädter vermissen würden, manche würden für ihre Kinder dafür extra in ein Dorf ziehen.

Journalist und Autor Gerald Drissner unterstreicht die soziale Funktion, welche die Schule im Dorf erfülle. <span class="copyright">Gerald Drissner</span>
Journalist und Autor Gerald Drissner unterstreicht die soziale Funktion, welche die Schule im Dorf erfülle. Gerald Drissner

„Die Schule hat eine soziale Funktion, weil man sich kennt, weil sich die Kinder kennenlernen, weil sich die Eltern der Kinder kennen“, erklärt der 44-Jährige. Auf die Frage, welche Vorteile es biete, gerade eine Kleinschule zu besuchen, antwortet er: „Man fühlt sich vom ersten Tag an nicht fremd.“ Freundschaften blieben und würden nicht ständig auseinandergerissen, auch die Eltern kennen einander. Sogar in Berlin gebe es Schulversuche, bei denen mehrere Klassenstufen gemeinsam unterrichtet werden. „Damit Kinder, die etwas schneller lernen, nicht gelangweilt sind. Damit Kinder lernen, sich gegenseitig zu helfen. Damit Kinder soziale Kompetenzen erlernen, die heute oft zu kurz kommen.“ Vielleicht also eine Art Kleinschule – wenn auch in der großen Stadt.

Reformpädagogische Konzept

Strolz bezeichnet eine Mehrstufenklassen sogar als reformpädagogisches Konzept. „Wir haben für eines unserer Kinder bewusst eine solche gewählt.“ Bei zwölf Kindern über alle vier Jahrgänge – so viele Schüler zählte die Volksschule Wald am Arlberg zuletzt – funktioniere das Konzept aber nur eingeschränkt, glaubt er: „Da wünsche ich mir auch für die Kinder mehr altersgleiche Mitschülerinnen und Mitschüler. Die Frage ist außerdem, ob eine Lehrperson für eine Mehrstufenklasse mit vier verschiedenen Jahrgängen ausreicht. Da würde es mehr Personalressourcen brauchen. Das wird am Ende zur Budgetfrage.“

Matthias Strolz mit seiner Schwester und dem Göti seiner Mama im Winter 1980.
Matthias Strolz mit seiner Schwester und dem Göti seiner Mama im Winter 1980.

Für Wald am Arlberg gibt er die Hoffnung aber noch nicht auf. „Heute ist nicht aller Tage“, ist der 49-Jährige überzeugt. „Die Lage kann sich noch ändern. Das hängt auch vom Nachwuchs und Zuzug sowie der wirtschaftlichen Entwicklung ab.“ Gewerbe und Kleinindustrie müssten gefördert werden. „Es braucht eine unternehmerische Haltung, damit keine Abwanderung passiert. Da darf man nicht lockerlassen.“

„Unsere Volksschule“

Auch Strolz denkt gerne an seine Schulzeit zurück. „Damals gab es noch zwei Klassen. Jeweils zwei Jahrgänge wurden zusammengespannt, eine Klasse für die erste und zweite Schulstufe und eine für die dritte und vierte.“ Dann schmunzelt der einstige Politiker: „Eine Schwierigkeit für mich war, dass ich mit meiner Schwester in der Klasse saß und sie mich zu Hause verpetzen konnte. Aber grundsätzlich habe ich die Schulzeit gut in Erinnerung.“ Er habe die Volksschule auch nie als klein empfunden. „Es war unsere Normalität. Das war unsere Volksschule.“

Magdalena Raos, Birgit Entner-Gerhold