Jubel-Gründe

Politik / 11.12.2022 • 22:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Brigade der internationalen Bedenkenträger, in den USA genauso wie in Dutzenden anderen Ländern, redet dem Rest der Menschheit ins Gewissen: „Die Welt brennt an allen Ecken und Enden“, klagen sie, „und ihr habt immer nur die Fußballweltmeisterschaft bei den Menschen verachtenden Scheichs im Kopf.“ Wobei die Mahnung mit erhobenem Zeigefinger einerseits berechtigt ist, andererseits aber auch wieder nicht.

Natürlich ist der nicht nur gegenwärtige Zustand der Welt beklagenswert: Kriege und Hungersnöte, Verfolgungen, zum Himmel schreiende Ungerechtigkeiten, Existenz- und Überlebensängste, Verbrechen, Sterbende und Tote nicht nur wegen Covid sind eine Seite der Realität. Wer die Nachrichten zuhause und aus aller Welt verfolgt, kann sich fragen: „Wie soll das alles weitergehen, oder besser noch, jemals enden?“

Die darauf folgende Frage wäre dann: „Und was würde mein Verzicht aufs Tore-Bejubeln praktisch bedeuten; etwa dass alles plötzlich besser wird?“ Die ehrliche Antwort lautet: „Nein“. Denn die Übeltäter der Welt lassen sich erfahrungsgemäß nicht automatisch und dauerhaft von ihren Missetaten abhalten, nur weil der Rest der Welt ihnen genau auf die Finger schaut und sie verdientermaßen verachtet.

Wahrheit ist auch, dass zeitweises Verdrängen, die Flucht aus der Realität, Balsam für die Seele sein kann und nicht mit Ignoranz gleichzusetzen ist. Und die Fußball-Weltmeisterschaft geht ja auch bald zu Ende. Und damit das Jubeln über die neue nationale Siegermannschaft und das Mitgefühl für die Verlierer.

Die befristete „Erholung“ von den Widrigkeiten der Welt ist dann automatisch eine Verpflichtung: Zum Wieder-Öffnen von Augen, Herz und Verstand, zum neuerlichen Erkennen von beklagenswerten Zuständen bei „uns“ und anderswo und zum Verlangen einer neuen „Normalität“. Wie das geht, weiß jeder: mit Helfen, wo man/frau kann, mit Wahlurnen-Kontrolle, notfalls Abstrafen von Mächtigen, und dem unmissverständlichen Verlangen, Fehler der Vergangenheit wieder gutzumachen und nicht zu wiederholen.

Nach dem Ende der Weltmeisterschaft am 18. Dezember dürfen wir – um Fußball-Jargon zu bemühen – nicht im Abseits stehen. Und wenn es wirklich besser wird, als es gegenwärtig ist, dürfen und sollen wir auch wieder jubeln.

„Wahrheit ist auch, dass zeitweises Verdrängen, die Flucht aus der Realität, Balsam für die Seele sein kann und nicht mit Ignoranz gleichzusetzen ist.“

Peter W. Schroeder

berichtet aus Washington, redaktion@vn.at

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