So gefährlich ist TikTok

Immer mehr Verbote auf Dienstgeräten: Datenschutz-Expertin warnt vor Risiken – aber auch bei anderen Plattformen.
Bregenz, Wien Süße Katzenvideos, witzige Tänze, Musik, Challenges, also Herausforderungen: All das und mehr findet sich auf der Plattform TikTok. Das Portal für kurze Videoclips hat bereits über eine Milliarde Nutzerinnen und Nutzer. Insbesondere unter jungen Menschen erfreut sich TikTok großer Beliebtheit. So verwundert es nicht, dass auch immer mehr Politikerinnen und Politiker einen Account haben, darunter Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Kanzleramtsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) oder Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne). Doch rund um den Aufstieg des Kurzvideo-Dienstes gibt es immer größere Sicherheitsbedenken. Tiktok gehört nämlich zum chinesischen Konzern ByteDance. Auch in Österreich gibt es bereits Prüfungen.
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Risiko für nationale Sicherheit
Die US-Regierung bezeichnete TikTok vor Kurzem erneut als mögliches Risiko für die nationale Sicherheit. In den USA und Kanada müssen Regierungsmitarbeiter wegen Sorge vor möglicher chinesischer Datenspionage die Social-Media-App von ihren Dienstgeräten löschen. Auch in der Europäischen Union sind nun ähnliche Schritte gesetzt worden. Im Europaparlament und der EU-Kommission darf TikTok auf Dienstgeräten nicht mehr genutzt werden. Das lettische Außenministerium ging ähnlich vor.
TikTok hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Sie beruhten auf Missverständnissen. Die Plattform verbessere gerade ihr Datensicherheit, unter anderem durch die Einrichtung von drei Datenzentren in Europa. Außerdem würde der Zugang von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiter reudziert, der Datenfluss außerhalb Europas reduziert.
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In Österreich prüfen IT-Experten des Innenministeriums die Lage. In der Vorarlberger Landesverwaltung gebe es keine Überlegungen eines Verbots auf Dienstgeräten, erfuhren die VN. Das Land selbst nutzt kein TikTok. Zu den Politikerinnen und Politikern mit Accounts gehören jedenfalls auch Vorarlbergs FPÖ-Chef Christof Bitschi, der Neos-Landtagsmandatar Johannes Gasser sowie die ÖVP-Abgeordneten Christina Metzler und Christoph Thoma. Manche sind mehr, andere kaum aktiv.

Doch wie riskant ist TikTok wirklich? “Die Gefahren sind vielfältig und gelten in größeren Teilen übrigens auch für andere Social Media-Apps”, unterstreicht Petra Schmidt von der österreichischen Datenschutzorganisation epicenter.works auf VN-Anfrage. Vor allem betreffe das auch jene Dienste, die von US-Unternehmen betrieben würden. Denn auch die USA ermöglichten ihren Geheimdiensten und Behörden sehr freizügigen Zugriff auf die Daten von Nutzerinnen und Nutzern.
Die Expertin thematisiert den Einfluss durch Algorithmen. “Zum Beispiel ist man sich heutzutage ziemlich sicher, dass der Brexit durch eine massive Social-Media-Kampagne überhaupt möglich wurde.” Über Metadaten ließe sich viel über Persönlichkeit und Netzwerke der Menschen erfahren und auch entsprechende Profile bilden beziehungsweise klassifizieren. Im schlimmsten Fall könnten Rückschlüsse auf persönliches (Fehl-)Verhalten gezogen werden, gibt sie zu bedenken. “Wenn man auch noch den Inhalt klassifiziert, wird es wirklich umfassend und gefährlich. Man liefert bei Videos von sich selbst beziehungsweise von anderen Menschen alle Arten von biometrischen Daten, die im Nachhinein nicht mehr veränderbar sind, zum Beispiel Bewegungsmuster im Gesicht, Stimme und Sprachfluss.”

Dezentrale Open-Source-Netzwerke
Junge Menschen müssten geschützt werden, da sie das große Risiko nicht abschätzen könnten, betont Schmidt. “Mich wundert es, dass die Politik immer noch nicht begriffen hat, welche Sprengkraft in diesen Daten liegt und warum man nicht endlich anfängt, hier eine vernünftige Infrastruktur zu finanzieren.” Es brauche dezentrale Open-Source-Netzwerke, welche Sicherheit bieten. Mittlerweile gebe es ja auch Alternativen wie Mastodon zu den großen sozialen Plattformen.
Auf die Frage, ob die europäische Datenschutzgrundverordnung keine Handhabe bietet, antwortet Schmidt: „Recht auf Papier ist eine Sache, Rechtsdurchsetzung eine andere.“ Es handle sich außerdem um Konzerne, die mehr verdienten als das Bruttoinlandsprodukt kleiner Länder; da würden die vergleichsweise geringen Strafen für Verstöße nach jahrelangen Prozessen auch einfach einkalkuliert. “Insofern muss man das wirklich umdrehen und von öffentlicher Seite freie, offene Alternativen nutzen.” Sollte zum Beispiel eine Schule nur über Facebook oder WhatsApp kommunizieren, müssten alle „eine Datenkrake“ nutzen, um nicht ausgegrenzt zu werden.
Sie sei aber keine Freundin von Verboten, sagt Schmidt. „Wenn ich TikTok auf Diensthandys verbiete, kann ich immer noch nicht verhindern, dass die Daten dann von privaten Handys abfließen.” Zuerst plädiere sie daher dafür, Alternativen bereitzustellen.