Evakuierungen nach Staudammsprengung

Die Ukraine macht Russland für die Katastrophe verantwortlich.
Kiew Nach der Zerstörung eines Staudamms in dem von russischen Truppen besetzten Teil der Ukraine sehen Experten die Verantwortung bei Russland. „Alles spricht dafür, dass die Russen den Damm gesprengt haben“, sagte der Militärexperte Carlo Masala. Moskau verfolge damit zwei Ziele: Chaos zu stiften und eine Gegenoffensive der Ukraine zu behindern.
In der Nacht zum Dienstag waren sowohl der Kachowka-Staudamm im Süden der Ukraine als auch das dortige Wasserkraftwerk durch eine Explosion zerstört worden. Die Anlagen halten russische Soldaten seit vergangenem Jahr besetzt. Die Gegend ist nun überschwemmt. Nach ukrainischen Angaben sind in der „kritischen Zone“ rund um die Anlage nahe der Stadt Nowa Kachowka 16.000 Menschen zuhause. Kiew und Moskau beschuldigen sich gegenseitig, für die Sprengung verantwortlich zu sein.
Gegenoffensive verlangsamen
Masala sagte, Russland gehe es darum, eine bereits begonnene ukrainische Gegenoffensive zu verlangsamen. Eine Flussüberquerung sei die schwierigste Operation überhaupt für Streitkräfte, so der Professor der Bundeswehr-Universität München. Mit steigendem Wasser und der Überflutung beider Flussufer würden ukrainische Offensivoperationen an jener Stelle faktisch unmöglich. Trotzdem werde Russland eine Gegenoffensive nicht ganz aufhalten können.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Moskau für die Sprengung des Kachowka-Staudamms verantwortlich gemacht und mit dem Einsatz einer Massenvernichtungswaffe verglichen. „Das ist die größte menschengemachte Umweltkatastrophe in Europa seit Jahrzehnten“, sagte er bei einer Sicherheitskonferenz in der slowakischen Hauptstadt Bratislava. Dort war er am Dienstag per Video zugeschaltet. „Russland hat eine ökologische Massenvernichtungswaffe gezündet.“ Selenskyj wies die vom Kreml verbreitete Behauptung zurück, die Ukraine habe den Damm selbst zerstört und damit eine verheerende Flutwelle verursacht. „Es ist physisch unmöglich ihn von außen durch Beschuss zu zerstören.“
Auch der Militärexperte Christian Mölling von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) sieht Russland hinter der Sprengung. „Die Russen wollen die ukrainische Gegenoffensive durcheinanderbringen, die an einigen Stellen zu wirken beginnt“, sagte Mölling den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Wenn es die Ukrainer gewesen wären, würde das zudem die Unterstützung durch den Westen gefährden. Das wäre kontraproduktiv.“
Keine Gefahr für AKW
Laut Internationaler Atomenergiebehörde (IAEA) bestehe zumindest keine unmittelbare Gefahr für das nordöstlich gelegene Atomkraftwerk Saporischschja. In dem von Russland besetzten AKW würden jedoch Maßnahmen zum Weiterbetrieb der Kühlsysteme getroffen, die normalerweise mit dem aufgestauten Wasser gespeist werden, sagte IAEA-Chef Rafael Grossi am Dienstag in Wien.
Als Konsequenz fordert Selenskyj nun eine energische gemeinsame Verteidigung Europas gegen Russland. Durch den geborstenen Damm fließt das Wasser ungehindert ab und hat schon zahlreiche Ortschaften überschwemmt.