Nein, wir wurden nicht ärmer
Österreich ist das Land, in dem man „alles wird teurer“ sagt, als wäre das schon eine komplette Analyse. Ja, es wurde teurer: 2022 lag die Inflation bei 8,6%, 2023 bei 7,8%. 2024 fiel sie auf 2,9%. 2025 zog sie wieder an (Jänner bis November im Schnitt rund 3,5%, im November 4,0%). Der Schock ist vorbei, das Preisniveau bleibt. Nur: Aus „teurer“ wird bei uns im Handumdrehen „ärmer“ – und daraus gleich „betrogen“. Genau dieser Kurzschluss ist das Problem.
Denn was in der Teuerungs-Litanei fast immer fehlt, ist die zweite Zeile der Rechnung: das Einkommen. Der Budgetdienst des Parlaments hat die real verfügbaren Einkommen (inflationsbereinigt, nach Abgaben und Transfers) seit 2019 nach Dezilen gerechnet. Dezil, D-E-Z-I-L, heißt: zehn gleich große Einkommensgruppen – unten die ärmsten 10%, oben die reichsten 10%. Der Sinn: „im Schnitt“ kann trösten, Dezile zeigen, wer wirklich betroffen ist. Ergebnis bis 2024: insgesamt +3,1% gegenüber 2019. Im untersten Dezil +6,9%, im zweiten +6,0%, im dritten +5,1%. In der Mitte (4. bis 6. Dezil) liegen die Zuwächse bei +4,2%, +3,6% und +3,9%. Selbst oben bleibt ein Plus: im 10. Dezil +2,3%. Für 2025 liegen solche Dezil-Rechnungen noch nicht vor – aber die öffentliche Erzählung ist schon wieder da: teurer gleich ärmer.
Und nein: Niemand behauptet, das sei eine durchgehende Wohlstandsrampe gewesen. 2023 war der Knick: insgesamt -1,5% gegenüber 2019, im 10. Dezil -2,2%. Aber selbst 2023 lag das unterste Dezil real noch +1,8% über 2019. Unten wurde also nicht „ruiniert“, unten wurde – relativ gesehen – gehalten. Der Budgetdienst sagt auch: Wer eine negative Sparquote hat, den rettet ein statistisches Plus nicht; dann muss Konsum runter oder Verschuldung rauf.
„Aber die Armen spüren Wohnen, Energie, Lebensmittel stärker!“ Stimmt. Nur: Genau dort hat der Staat auch am stärksten gepuffert. Der Budgetdienst zeigt das am Beispiel 2022 im untersten Dezil: Einer geschätzten Belastung von 634 Euro stand eine Entlastung von 698 Euro gegenüber. Relativ wirkt die Unterstützung unten am kräftigsten: im untersten Dezil rund +2,1% des Haushaltseinkommens. Das ist kein Trostgedicht, das ist eine Rechenzeile.
Warum also diese Dauerwut? Weil Preiszettel täglich stechen – und Nachzieheffekte später kommen. Weil das Preisniveau oben bleibt (das höhere Einkommen freilich ebenso), auch wenn die Inflationsrate sinkt. Und weil das Häufige lauter ist als das große Ganze: Milch, Miete, Strom.
Die FPÖ hat aus dieser Reibung ein Erfolgsmodell gemacht: Kassenzettel als Stimmzettel. Die ORF/FORESIGHT/ISA-Wahlanalyse zur Nationalratswahl 2024 sagt nüchtern: Im Vordergrund standen Teuerung und Zuwanderung. 42% jener, die Österreichs Entwicklung negativ beurteilen, wählten FPÖ; 44% der Unzufriedenen mit der Bundesregierung ebenso. Und bei FPÖ-Wählern und Wählerinnen wurde Zuwanderung von 67% als „sehr häufig“ diskutiert wahrgenommen – knapp gefolgt von der Teuerung. Toxische Mischung: ökonomischer Ärger plus kulturelle Projektion.
Und wir Journalistinnen und Journalisten? Wir liefern zu oft die Verstärkeranlage. Wir trommeln Inflationsraten, aber erklären selten, dass Teuerung ohne den Zusatz „Kaufkraft“ eine Nebelgranate ist – und dass die reale Lage eben nicht pauschal „immer schlechter“ wurde. So wird Berichterstattung zur Jammerverlängerung. Und Jammerverlängerung ist, in Zeiten wie diesen, Wahlkampfhilfe. Und wir wundern uns über Umfragewerte.
Teuerung ist real. Der totale Niedergang ist es nicht. Wer beides vermischt, bekommt kein besseres Leben – aber eine bessere Ausrede.
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