Kälbertransporte steigen wieder: Wenn Milch mehr zählt als das Tier

Warum das bestehende System Landwirte in ein Dilemma zwingen kann, schildert ein Biolandwirt aus Bizau.
Schwarzach “Für uns ist das eigentlich ein Minusgeschäft”, sagt Lucia Flatz. “Aber alles andere können wir mit unserem Gewissen nicht vereinbaren”, ergänzt ihr Ehemann Daniel. Gemeinsam betreiben sie den Biohof Hilkater in Bizau und sprechen damit ein Thema an, das erneut für emotionale Diskussionen sorgt: den Transport von Vorarlberger Kälbern ins Ausland. Zuletzt ist die Zahl der in die EU und die Schweiz exportierten Kälber wieder stark gestiegen – von 3396 im Jahr 2024 auf 4417 im Vorjahr. Die Familie Flatz lehnt Exporte ihrer Tiere rigoros ab. Ihr Beispiel macht jedoch die erbarmungslose Marktlogik deutlich: Rentabel ist dieser Weg nicht, wenn man mit den Kälbern Geld verdienen muss.

Der Biohof Hilkater gilt als erfolgreicher Modellbetrieb mit Vorbildwirkung weit über den Bregenzerwald hinaus. Alle Arbeitsschritte folgen dem Prinzip der Nachhaltigkeit. Bereits in den 1990er-Jahren stellten die Eltern von Lucia Flatz auf biologische Landwirtschaft um. Die Tierhaltung ist konsequent am Tierwohl orientiert: Weibliche Kälber bleiben ihr Leben lang am Hof. Herzstück des Betriebs ist die hofeigene Sennerei, in der die Milch zu Schnitt- und Hartkäse verarbeitet und im eigenen Keller gereift wird. “Unseren Kunden ist das Tierwohl ebenfalls wichtig”, berichtet Flatz. Und dieses beinhalte eben auch die männlichen Kälber.

Keine Kostendeckung
Zwar ist der Kälberpreis zuletzt gestiegen, aber Daniel Flatz rechnet im VN-Gespräch vor, was unterm Strich von einem Kalb finanziell übrig bleibt. Im November 2025 wurden zuletzt zwei Kälber geschlachtet. Eines brachte rund 350 Euro, etwa fünf Euro pro Kilogramm. Es handelte sich um ein reines Milchkalb im Alter von zweieinhalb Monaten. “Zum Schlachten sollten Kälber am besten ab 50 Kilo Schlachtgewicht haben. Dazu muss das lebende Kalb mindestens 80 Kilogramm haben. Bis ein Milchrassenkalb 80 Kilo hat, muss es mindestens sechs bis sieben Wochen trinken”, erklärt Flatz. Dafür benötigt es täglich acht bis zehn Liter Milch.
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In zweieinhalb Monaten ergeben sich also mindestens 600 Liter. “Als Heumilchbiobauer brauche ich mindestens 65 bis 70 Cent pro Liter, um kostendeckend wirtschaften zu können. Das heißt, ich bin bei 390 Euro. Da habe ich noch nicht Einstreu, Platz und Heu eingerechnet.” Wer Kälber weiterverkauft, erziele in der Regel höhere Erlöse – habe aber keine Kontrolle mehr. “Der Landwirt muss wirtschaftlich denken, er lebt davon”, zeigt Flatz Verständnis für seine Kolleginnen und Kollegen und betont, dass andere Betriebe andere Voraussetzungen hätten als der Biohof Hilkater.
In die Nische produzieren
Der grüne Landesparteichef Daniel Zadra nennt zwei Hebel auf Landesebene, um Kälberexporte ins Ausland einzudämmen. Zum einen müsse die Herkunftskennzeichnung für Haltung und Schlachtung konsequent umgesetzt werden. Zwar entscheide darüber der Bund, doch das Land könne Druck ausüben.
Zum anderen brauche es gezielte Landesförderungen: “Wir müssen den bäuerlichen Betrieben zu hundert Prozent Unterstützung geben, damit sie anders produzieren können. Nämlich, dass sie auch männliche Kälber zur Mast am Hof halten können und damit etwas verdienen.” Nur so würden geringere Milchleistungen akzeptabel, weil mit einem zweiten Produkt ebenfalls Einkommen erzielt werden könne. Derzeit sei das nicht der Fall, so Zadra: “Das Produkt, das zählt, ist die Milch. Männliche Kälber haben in den allermeisten Betriebsabläufen dadurch keinen Platz und Landwirte nicht den Platz und vor allem finanzielle Möglichkeiten, um das anders handzuhaben.”

Den Wettlauf würden die Bauern aktuell verlieren, sagt Zadra: “Momentan produzieren wir in denselben internationalen Markt hinein, wie Betriebe mit 1000 Stück Kühen.” Diese könnten schneller und billiger produzieren. Die Absurdität zeige sich daran, dass Kalbfleisch in der österreichischen Gastronomie häufig aus den Niederlanden stamme. “Wir sind nicht der Weltmarkt, sondern eine extrem kleinstrukturierte Landwirtschaft, die eine höhere Wertschöpfung benötigt. Wenn wir aber glauben, bei dieser Marktlogik mitspielen zu können, wird sich das nicht ausgehen. Ausschließlich die Nische kann unsere Wertschöpfung darstellen.”