Grüße an Epstein aus dem Montafon: “Es waren sehr gehorsame Jungs”

Eine Frau schrieb aus dem Urlaub im Montafon an den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Unter anderem ging es um zwei 15-jährige Schweizer.
Schwarzach Es ist der 25. Jänner 2012, eine Nacht von Dienstag auf Mittwoch, kurz nach Mitternacht, als eine 22-Jährige irgendwo im Montafon ein längeres E-Mail in ihr Smartphone tippt. Sie schwärmt von den Pisten, kritisiert ihre Begleiter und erzählt, mit wem sie sich stattdessen die Zeit vertreibt: mit zwei 15-jährigen “sehr gehorsamen” schweizerischen Jugendlichen. Empfänger: Jeffrey Epstein. Nun hat sich auch die Vorarlberger Polizei eingeschaltet.
Das amerikanische Justizministerium veröffentlicht scheibchenweise Akten zu Jeffrey Epstein. Fotos, Chats und E-Mails bringen mächtige und wohlhabende Menschen auf der ganzen Welt ins Wanken. Angefangen von US-Präsident Donald Trump bis zum ehemaligen Fußballstar Franck Ribéry finden sich unzählige Namen in den Epstein-Files. Das Netzwerk des verstorbenen US-Sexualstraftäters spannt sich über die ganze Erdkugel, bis ins hintere Vorarlberg. Wie der ORF als Erstes berichtete, dürfte es sich bei der Besucherin im Montafon um eine ehemalige russische Snowboard-Olympiateilnehmerin handeln. Ihre Identität ist nicht bestätigt, allerdings verdichten sich die Anzeichen. Sie dürfte Epstein regelmäßig Frauen vermittelt haben.
Was belegbar ist: Die Person, die sich in der Jännernacht 2012 an Epstein wendet, mag keinen Jägermeister. Sie schreibt: “the most disgusting austrian alcool i always refuse to take into my mouth”. Österreich sei aber “RAD”, also richtig klasse. Viel Schnee und ein großartiges Resort. Aber ihre französischen Begleiter seien langweilig, weil sie bis elf Uhr schlafen und dann drei Stunden lang Mittagessen. Stattdessen habe sie zwei 15-jährige Schweizer Kinder gefunden, mit denen sie Ski fährt und sie filmt (“so sweet”). Sie würden alles machen, was man ihnen sagt, und seien “very obedient boys”, sehr gehorsame Jungs. Im Nebenhotel sei gerade ihre Schwester. Und: Sie habe sich im Tourismusbüro als Journalistin für ein Snowboard-Magazin ausgegeben, inklusive Kameramann, anderen Fahrern und Journalisten. So habe sie ein gratis Apartment und Skipässe bekommen – einen Teil davon habe sie verkauft. “It’s cool sometimes to be a former athlete”, schreibt sie an Epstein. Es sei cool, eine ehemalige Sportlerin zu sein. Sie verabschiedet sich mit “kiss”.

Im mitternächtlichen Mail ist zudem von “lsat” die Rede – einem Standardaufnahmetest für das Jurastudium in den Vereinigten Staaten. Die ehemalige Olympiateilnehmerin hat immer wieder über diese Aufnahmeverfahren gesprochen. Epstein finanziert das Studium, die Frau vermittelt Damen. Im Mai 2012, fünf Monate nach dem Mail aus dem Montafon, knatscht es zwischen den beiden. Die Frau schreibt: “Ich bin aufgrund des Raubüberfalls gefeuert worden, jetzt kann ich dir keine Freundinnen mehr präsentieren.” Es gebe aber noch eine sehr süße russische Freundin. Epsteins knappe Antwort: “Nein danke, ich habe kein Interesse an Mädchen.” Worauf sie fragt, ob er sauer sei. Epstein antwortet: Er habe ihr gesagt, dass sie diese LSAT-Tests nicht machen soll. Sie habe es trotzdem getan. Sie würde gegen seine Empfehlungen handeln. 2017 wiederholt sich das Spiel: Er verweigert, Kosten für die Universität Berkeley zu übernehmen, weil sie ihm eine 28-Jährige vermittelt hat. Die Vorgabe aber lautete: zwei Kandidatinnen, nicht älter als 24.

Die NZZ hat den Lebenslauf aus den Daten zusammengefasst: 2008 beginnt die Frau ihr Jusstudium an der Pariser Sorbonne, wo sie Epstein in einem Pool des Hotels Ritz kennengelernt haben soll. 2011 wird die Kommunikation intensiver, die von da an acht Jahre dauert. Sie tauschen sich regelmäßig aus – über das Studium und über Sex. 2014 hofft sie auf Unterstützung für einen Job bei der Credit Suisse. Im März 2015 schickt sie als Praktikantin der liechtensteinischen Bank LGT in Zürich Fotos von Frauen an Epstein, worauf dieser antwortet: “Das passt nicht. Danke.” Schließlich wird sie in einer anderen Branche erfolgreich. Sie wird Unternehmerin, Expertin und Investorin im Kryptobereich. Jeffrey Epstein lässt sie aber nie los. Vier Tage nach seiner Verhaftung im Jahr 2019 schreibt sie: “Jeffrey, ich mache mir Sorgen. Wie geht es dir?” Kurz darauf stirbt Epstein in Haft.
Die NZZ konfrontierte die Frau mit den Vorwürfen, worauf eine Anwältin antwortete, dass die Russin ein Opfer Epsteins gewesen sei. Eine Nachfrage dazu sei nicht beantwortet worden. In Vorarlberg ist die Polizei aktiv geworden. Auf VN-Anfrage heißt es, dass “polizeiliche Erhebungen zur Abklärung eines möglichen Anfangsverdachts getätigt” werden.