Christian Rainer

Kommentar

Christian Rainer

Österreich im Frackspiegel

Politik / 13.02.2026 • 08:18 Uhr

Am Donnerstag hat Wien wieder Opernball gespielt: “Alles Walzer” als Staatsform, live übertragen wie eine Wetterwarnung. Zwischen Bregenz und der Staatsoper liegen 638 Kilometer – und doch reicht ein Kameraschwenk, um auch am Bodensee zu wissen, wie die Republik gelaunt ist. Im Sommer liefern die Bregenzer Festspiele das Seebühnen-Schaulaufen im Abendrot, im Winter liefert Wien das Logen-Schaulaufen im Kronleuchterlicht. Zwei Bühnen, ein Land: Kultur als Kulisse, Publikum als Wahrheitstest.

Der Opernball ist nicht nur abgehoben. Er ist schlimmer: Er ist präzise. Er kartografiert Österreich in Echtzeit. Drinnen der Spendenadel, die Politprominenz, die Wirtschaftsfräcke, die Medienmikrofone, die Künstler als Feigenblatt – geschniegelt bis zur Selbstparodie. Dazwischen Paare, die ein Jahr lang sparen, weil sie einmal “dabei” sein wollen, als wäre der Eintritt die feierliche Bestätigung, dass man existiert. Edelgschnas als Eintrittskarte ins eigene Selbstbild.

Die Preisspanne ist schon eine Gesellschaftslehre: Stehplatzträume auf der einen Seite; auf der anderen Logen, die mit Konsumation, Donation, Dinner davor und dem ganzen Ritualzubehör in die Nähe von 100.000 Euro rutschen können. Dazwischen das kleine, gemeine Detail: Auch das Würstel hat hier Rang, und der Champagner kennt die Klassen besser als jeder Soziologe. Das ist kein Skandal am Rand, das ist das System im Zentrum. Der Ball zeigt, wie wir es lieben, uns als Gleichheitsnation zu erzählen, während wir die Rangordnung wie eine Familienbibel hüten. Monarchistischer Prunk im roten Wien: Österreichs Lieblingswiderspruch.

Und die Medien? Sie tun, als wären sie Beobachter, dabei sind sie das zweite Parkett. Der Opernball ist für sie eine Jahresabrechnung in Pailletten: Wer sitzt wo, wer darf zu wem, wer wird übersehen, wer wird überfotografiert. Man spottet über die Falschheit und betreibt sie als Nationalsport. Heucheltheater, ja. Aber eben auch ein österreichischer Leistungssport der Zugehörigkeit: Man will dazugehören, selbst wenn es weh tut.

Für Staatsgäste und Auslandsbesucher bleibt dieses Ritual oft unübersetzbar. Galas kennen viele Länder. Aber diese Mischung aus Oper, Klassenfoto, Spendenpflicht und Nationalpsychologie – das gibt es so nirgendwo. Man sieht Menschen, die sich als “Volk” verkleiden, und Eliten, die sich als “Tradition” tarnen. Und alle tun so, als wäre das bloß Musik.

Draußen steht die zweite Republik und hält das Korrektiv hoch. Demonstrationen gehören seit Jahrzehnten zur Gegenchoreografie, früher schon – 1987 etwa gegen Franz Josef Strauß – und immer wieder als Erinnerung, dass Glanz politisch ist. Und Tradition ist hier nie unschuldig: Der Opernball wurde 1935 als staatstragende Inszenierung etabliert, 1939 zuletzt getanzt, 1956 wiederbelebt. Selbst der Walzer hat bei uns Schatten im Takt.

Heuer hing über diesem Schatten ein Bildtitel, der passt wie ein Messer im Blumengesteck: “Schwarzer Samt, rote Seide”. Arnulf Rainer – mein Onkel, vor zwei Monaten gestorben – hatte ein Gemälde für Plakate, Programm und Charity zur Verfügung gestellt. Ein Titel wie Dresscode und Drohung zugleich. Ein Bild als gesellschaftlicher Spiegel und als Riss im Spiegel.

Vielleicht ist das die ehrlichste Opernball-Lesart: nicht das friedliche Fest, als das er sich verkauft, sondern eine glamouröse Vermessung der Republik. Ein Abend, an dem Österreich sich geschniegelt verstellt und dabei unabsichtlich die Wahrheit sagt. Wer tanzt mit wem – und wer bleibt, trotz allem “Alles Walzer”, draußen?