Land der Schüler statt Land der Lehre: Landtag auf Ursachensuche

Erstmals entschieden sich weniger als 40 Prozent der jungen Menschen für eine Lehre. Ein Alarmsignal? Oder alles gut? Der Landtag suchte eine Antwort.
Bregenz Diskussionen im Landtag folgen einem Muster: ein Land, zwei Welten. Besonders wenn es darum geht, über die Berufswelt des Landes zu sprechen. Sei es die betriebliche Forschung, die Start-up-Situation, besonders aber bei der Lehre. Nicht nur, dass über zwei Welten diskutiert wird – die Abgeordneten scheinen dem Gesagten aus der anderen Welt nicht gerne zuzuhören.
Zwischen den Welten steht die Realität. Die zeigt: Die Zahl der Lehrlinge in Vorarlberg geht zurück. Ende des Jahres 2025 befanden sich 6348 junge Menschen in einer Lehre. Das sind 205 weniger als im Jahr 2024. Vor allem die Zahl der Lehranfänger ist auffallend: Erstmals fällt der Wert auf unter 40 Prozent (39,87 Prozent), wie die Wirtschaftskammer Vorarlberg kürzlich bekannt gab. Im Jahr zuvor entschieden sich noch 44,5 Prozent aller jungen Menschen beim Schulübertritt für eine Lehre. In keinem anderen Bundesland ging die Zahl so stark zurück.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Sonstige angezeigt.
Der Landtag widmete sich am Mittwoch diesem Thema, scheiterte aber schon bei der Frage der Situationsbeschreibung. ÖVP-Abgeordnete Monika Vonier eröffnete die Debatte mit einem Lob: “Vorarlberg ist das Land der Lehre und wir wollen, dass es so bleibt.” Es folgt eine Aufzählung der vielen Maßnahmen zur Stärkung der dualen Ausbildung. Manuela Auer von der SPÖ ist als Nächstes an der Reihe: “Vorarlberg ist ein Musterland in Sachen Lehre”, pflichtet sie Vonier noch bei, um direkt anzuschließen: “Aber es gibt einen Rückgang. Manche Betriebe haben ihre Lehrausbildung nachhaltig zurückgefahren.” Danach tritt Bernhard Weber (Grüne) ans Mikrofon und blickt in die Runde: “Es reicht nicht, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen und die Lehre als Erfolgsmodell zu feiern.” Weber berichtet von Lehrlingen, die drei Jahre lang Fahrräder fotografieren, von Unternehmen, die sich über das Bildungsniveau der Lehrlinge beschweren, und fordert eine höhere Lehrlingsentschädigung. Neos-Mandatarin Fabienne Lackner pflichtet ihm bei: “Wir hören aus Betrieben, dass sie Ausbildungsplätze reduzieren oder ganz darauf verzichten. Alarmierend ist, dass die Zahl der Lehranfänge so stark zurückgegangen ist.”
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Worauf die Regierung kontert. Karin Feurstein-Pichler blickt zu Bernhard Weber: “Ich frage mich, ob wir im selben Bundesland leben.” Es gebe ausgezeichnete Lehrbetriebe und tolle Unterstützungsangebote im Land. Natürlich gebe es Probleme, aber man unternehme viel. FPÖ-Klubobmann Markus Klien sagt, er sei stolz auf Lehrlinge und Lehrbetriebe im Land – und dankbar dafür. Und Parteikollegin Nicole Feurstein-Hosp ruft in die Runde: “Die Grünen reden die Lehre schlecht. Sie haben zum schlechten Image beigetragen. Nehmen Sie sich selbst an der Nase.” Da bringt es auch nichts, dass zuvor Eva Hammerer von den Grünen bekräftigt: “Natürlich gibt es hervorragende Betriebe, daran hat niemand gezweifelt. Aber unsere Aufgabe ist es, die Situation kritisch zu hinterfragen. Und nicht reflexartig den Grünen eine aufzulegen.”
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Iframely angezeigt.
Danach dürfen die zuständigen Regierungsmitglieder wieder etwas Ruhe in die Diskussion bringen. Landesrätin Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) berichtet vom Zukunftsbild der Berufsschulen, das im Sommer präsentiert wird. Ein großer Wunsch der Unternehmen laute, dass stärker auf geblockte Schulzeiten gesetzt wird. Sie bestätigt zudem den Trend, dass sich immer mehr Jugendliche für weiterführende Schulen entscheiden, statt für eine Lehre. Landesrat Marco Tittler (ÖVP) betont die wirtschaftliche Situation, die sich eben auch auf die Ausbildung durchschlage. Dies bestätigte Wirtschaftskammerpräsident Karlheinz Kopf schon im Jänner: “Die allgemeine wirtschaftliche Lage hindert den einen oder anderen Betrieb daran, im Moment Lehrlinge auszubilden. Wir wissen von Ausbildungsbetrieben, die heuer gar keine neuen Lehrlinge aufnehmen werden.”
Davor warnte kürzlich AMS-Chef Bernhard Bereuter in den VN ausdrücklich: “Wenn man anfängt, bei der Lehre einzusparen, weil es wirtschaftlich schwierig ist, merken wir das in vier bis fünf Jahren.” Qualität und Innovation könne man nur mit Fachkräften bieten. Ein Land, zwei Welten.
















