Bunte Stoffe, dunkle Geschichte

Eine großartige musikalische Ballade über globale Verflechtungen und koloniale Spuren.
Bregenz Mit der Uraufführung von „Wax Traders“ am Donnerstagabend ist dem Vorarlberger Landestheater gemeinsam mit der Schweizer GROUP50:50 eine Musiktheaterproduktion gelungen, die ein historisch schweres und moralisch hoch aufgeladenes Thema mit erstaunlicher Leichtigkeit, kluger Form und großem künstlerischem Selbstvertrauen auf die Bühne bringt. Dass es dabei um Sklavenhandel, koloniale Ausbeutung, wirtschaftliche Ungleichheit und kulturelle Aneignung geht, durchzieht den Abend in jeder Szene, doch Eva Maria Bertschy und Kojack Kossakamvwe vermeiden belehrende Schwere. Statt eines erhobenen Zeigefingers entfaltet sich ein Abend, der unterhält, packt, berührt und gerade dadurch seine Wirkung umso nachhaltiger entfaltet.

Im Zentrum stehen zwei mutige Frauen an der westafrikanischen Küste, die sich in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Umbrüche auf globalen Märkten behaupten, den kolonialen Machtstrukturen trotzen und den europäischen Kaufleuten keineswegs als bloße Opfer begegnen. Diese Perspektive macht „Wax Traders“ so stark, weil das Stück die Geschichte nicht vereinfacht, sondern ihre Widersprüche sichtbar macht.

Erzählt wird von den „African Wax Prints“, von ihren Wegen zwischen Indonesien, Europa und Westafrika, von kopierten Mustern, von Baumwolle, die von Sklaven gepflückt wurde, von Industrien, die auf billige Arbeit setzten, von Handelsbeziehungen, die Wohlstand schufen und zugleich auf Gewalt und Abhängigkeit gründeten. Selbst die Lustenauer Stickereiindustrie wird in diesem weiten historischen Bogen gestreift. All das ist klug recherchiert, doch vor allem ist es mit großer theatraler Fantasie erzählt.
Recherche und poetische Verdichtung
Eva Maria Bertschy und Kojack Kossakamvwe übersetzen diese komplexe Konstellation in eine rhythmisch pulsierende, ausufernde Ballade, die sich traditionellen afrikanischen Erzählformen annähert und zugleich alle Mittel des zeitgenössischen Musiktheaters souverän nutzt. Gemeinsam mit Edwige Dro ist ein Text entstanden, der sich mit bemerkenswerter Eleganz zwischen Recherche und Poesie, zwischen Marktszene, Lied, Kommentar und biografischem Fragment bewegt. Die Erzählung verläuft nicht streng linear, sondern kreist, springt, verdichtet und öffnet sich wieder, was dem Abend eine besondere Beweglichkeit verleiht.
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Ganz großartig ist die Musik. Afrikanische Rhythmen tragen diesen Abend mit einer Kraft, die unmittelbar in den Zuschauerraum überspringt. Was hier gesungen und musiziert wird, besitzt Energie, Farbigkeit und Präsenz. Die Stimmen von Araba Dansowaa Agyare, Jahelle Bonee und Martina Momo Kunz sind nicht nur vokal beeindruckend, sie erzählen auch, sie formen Charaktere, sie wechseln mühelos zwischen Perspektiven und Zeiten. Kojack Kossakamvwe, der auch selbst als Musiker auftritt, entwickelt gemeinsam mit Jonathan Tshimbombo ein Klangbild, das Leichtigkeit und Nachdenklichkeit, Wärme und Schärfe, Melancholie und Witz zusammenführt. Diese Musik illustriert nichts, sie ist der pulsierende Kern des Abends.

Auch die Ausstattung trägt maßgeblich zur Wirkung bei. Die Kostüme von Austin Nortey lassen die Geschichte der Stoffe in ihren Farben und Formen sinnlich erfahrbar werden, während das Bühnenbild von Percy Nii Nortey die verschiedenen Ebenen von Handel, Arbeit und kultureller Aneignung in klare, vieldeutige Bilder übersetzt.

So wird „Wax Traders“ zu einem Musiktheaterabend von hohem Niveau, der komplexe historische Zusammenhänge aufzeigt, ohne schwerfällig zu werden, der Kritik übt, ohne plump anzuklagen, und der mit großer künstlerischer Intelligenz unterhält. Dass die Uraufführung in Bregenz mit großem Jubel aufgenommen wurde, war vollkommen verdient.
