“Es gibt Studierende, die angeben, noch nie ein Buch gelesen zu haben”

Politik / 12.04.2026 • 12:11 Uhr
Nachhilfeunterricht wird auch von Volksschülern immer mehr in Anspruch genommen. Eine bedenkliche Entwicklung.  DPA
Komplexe Leseübungen sind auch im Mathematikunterricht wichtig, sagt Bildungsexpertin Simone Naphegyi. DPA

Expertin sieht nach Leseergebnissen vor allem die Schulen gefordert und warnt vor Auslagerungstendenzen.

Schwarzach Volksschüler müssen regelmäßig Vergleichstests absolvieren. Aus Vorarlberger Sicht oft ernüchternd: Viertklässler im Land lesen und schreiben schlechter als Gleichaltrige in den anderen Bundesländern. “Das sind zu viele”, sagt Bildungswissenschaftlerin Simone Naphegyi von der Pädagogischen Hochschule (PH) Vorarlberg. Sie fordert einen stärkeren Fokus auf das Lesen in den Schulen – und warnt vor Auslagerungstendenzen.

Österreichweit erreichten bei den IKM-Plus-Tests 59 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutsch die Bildungsstandards, in Vorarlberg waren es 55 Prozent. “Das deckt sich mit unseren Beobachtungen aus den vergangenen drei Jahren im Projekt ‚lesende Schulen‘”, erklärt Naphegyi.

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Die Forderung, sich intensiver mit dem Thema zu befassen, sei aus der Wirtschaft gekommen. “Unternehmen berichteten, dass Lehrlinge zum Teil nicht einmal Warnschilder auf Maschinen lesen konnten.” Daraufhin wurden drei Jahre lang jährlich rund 1000 Schülerinnen und Schüler zu Beginn und am Ende des Schuljahres getestet. “Wir haben gesehen, dass Schulen, die hier einen Schwerpunkt setzen, deutliche Fortschritte erzielen.” Besonders wirksam sei eine Methode gewesen: “In der Schule mit den besten Ergebnissen wurde viel laut im Chor und im Echo gelesen.”

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Naphegyi betont: “Lehrkräfte sind die Profis, es ist ihre Aufgabe. Eltern sollen unterstützen, nicht die Verantwortung übernehmen.”

Das laute Lesen sei in den vergangenen Jahren vernachlässigt worden. “In der ersten und zweiten Schulstufe liegt der Fokus noch stark darauf, danach verschiebt er sich auf das Leseverständnis. Lautes Lesen kommt zu kurz.” Ab der dritten Schulstufe seien die Fortschritte daher deutlich geringer.

Entscheidend sei, von Anfang an viel mit Kindern zu sprechen – sowohl in der Elementarpädagogik als auch im Elternhaus, und zwar in allen Sprachen, die dort gesprochen werden. Allerdings beobachtet Naphegyi eine problematische Entwicklung: “Leseübungen werden häufig ins Elternhaus ausgelagert.” Das sei angesichts knapper Ressourcen verständlich, greife aber zu kurz. “Lehrkräfte sind die Profis, es ist ihre Aufgabe. Eltern sollen unterstützen, nicht die Verantwortung übernehmen.” Dafür brauche es zusätzliche Ressourcen. Klar sei aber: Egal, welche Maßnahmen man setzt, sie brauchen oft lange Zeit, bis sie wirken.

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Eine Möglichkeit, Lesefähigkeiten zu verbessern, wären Ganztagsschulen. “Aber nur mit professionell geschultem Personal. Es kann nicht jeder Leseförderung machen.”

Sorgen bereitet der Expertin ein weiterer Trend: “Ich höre immer wieder, dass Texte mit künstlicher Intelligenz vereinfacht werden. Das halte ich für fatal.” Zwar ermögliche das Erfolgserlebnisse, langfristig müsse jedoch die Komplexität das Ziel sein. Das gelte auch für Textaufgaben in Mathematik. “Lesen ist ein fächerübergreifendes Thema.”

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Und eines, das alle Schulstufen betrifft. Auch in der Mittelstufe müsse lautes Lesen weiterhin geübt werden. “Leseförderung wirkt dort ebenfalls stark.” Mehrere Universitäten bemängeln zudem, dass Studentinnen und Studenten längere Texte und Bücher nicht ausreichend verstehen. Naphegyi bestätigt diese Beobachtung: “Es gibt Studierende, die angeben, noch nie ein Buch gelesen zu haben. Die Matura haben sie mit Zusammenfassungen geschafft.”

Die Ursachen sieht sie nicht ausschließlich in sozialen Medien. “Daten haben wir erst seit dem Jahr 2000, leseschwache Kinder gab es aber sicher schon davor.” Zudem habe sich das Anforderungsprofil der Wirtschaft verändert. “Früher gab es mehr Berufe, in denen Lesekompetenz weniger wichtig war. Diese verschwinden zunehmend.” Eine positive Entwicklung hebt Naphegyi dennoch hervor: “Es wird heute so viel gelesen wie noch nie.”