Orbán ist weg. Babler ist in Barcelona
Es ist eine jener Bosheiten der Geschichte, die sich gern als Ironie verkleiden: Selbst dort, wo ein rechter Machtpolitiker fällt, erbt nicht automatisch die Linke. Viktor Orbán ist abgewählt, aber eben nicht von einem Sozialdemokraten, nicht von einem linken Hoffnungsträger, sondern von einem Liberalkonservativen. Mein alter Freund und fleißiger Publizist Robert Misik hat darauf sinngemäß hingewiesen. In diesem Befund steckt weit mehr als eine ungarische Pointe. Er erzählt von der europäischen Schwäche der gemäßigten Linken.
Fast gleichzeitig fährt Andreas Babler nach Barcelona, zu einem Treffen “progressiver” linker Kräfte. Dort wird über Demokratie, Zusammenhalt, Extremismus, Desinformation geredet. Alles richtig, alles anständig. Nur ist Anständigkeit in der Politik leider oft schon die Vorstufe zur Wirkungslosigkeit. Die Linke tagt, während die Rechte eindringt. Die einen formulieren Erklärungen, die anderen besetzen Köpfe. Die einen sprechen über Werte, die anderen produzieren Wucht.
Dabei müsste die Weltlage doch eigentlich sozialdemokratisches Erntewetter sein. Es herrscht ja nicht Gleichheit. Nicht beim Vermögen, nicht beim Einkommen, nicht bei Bildung, nicht bei Gesundheit, nicht bei den Chancen aufzusteigen. Die Herkunft entscheidet meist noch immer darüber, wie weit einer kommt und wie tief einer hängen bleibt. Chancengleichheit ist ein schönes Wort, aber für viele noch immer kein funktionierender Lift.
Und trotzdem schafft es die Linke nicht, aus dieser fortgesetzten Ungleichheit politisches Kapital zu schlagen. Warum?
Ein Grund ist die neue Dramaturgie der Öffentlichkeit. Algorithmen lieben nicht das Vernünftige, sondern das Schrille. Eine gemäßigt linke Position – bessere Schulen, gerechtere Steuern, mehr Aufstiegschancen, ein starker Sozialstaat ohne Revolutionsfolklore – hat es dort schwer. Damit sie überhaupt auffällt, müsste sie schon 100 Prozent Erbschaftsteuer brüllen. Die digitale Bühne belohnt nicht Maß und Mitte, sondern den Tinnitus der Extreme. Früher konnte der Boulevard Ähnliches. Aber damals gab es daneben noch stärkere kuratierende Medien, die das Getöse wenigstens gelegentlich ordneten. Heute ist das Getöse selbst die Ordnung.
Aber daran allein liegt es nicht. Das tiefere Problem könnte bitterer sein. Viele Menschen leben auf einem Wohlstandsniveau, das nicht gerecht ist, aber bequem genug, um keinen Ruf nach Chancengleichheit auszulösen. Man will nicht mehr Gerechtigkeit, man will weniger Beunruhigung. Und wenn die Angst dann doch auftaucht, sucht man nicht den sozialen Ausgleich, sondern den Schuldigen. Die Rechte liefert ihn frei Haus: Ausländer, Eliten, Brüssel, das System. Hass ist politisch leichter zu verkaufen als Fairness, Kränkung leichter als Vernunft. Der Ressentimentmarkt brummt, während der Gerechtigkeitsmarkt Ladehemmung hat.
Die Sozialdemokratie hat darüber ihre alte Kunst verlernt: aus der sozialen Frage eine Erzählung von Würde, Freiheit und Aufstieg zu machen. Sie spricht zu oft korrekt, aber nicht verführerisch. Sie argumentiert, wo andere Gefühle organisieren. Sie klingt entweder wie ein Sitzungsprotokoll mit Restanstand oder wie eine marxistische Jugendorganisation. Das ist nicht bloß Pech. Das ist politisches Versagen.
Dass Orbán nicht von links abgelöst wurde, ist deshalb keine bloß ungarische Merkwürdigkeit. Es ist eine europäische, vielleicht auch globale Diagnose. Die Ungleichheit schreit, aber die Linke spricht zu leise oder zu pathetisch. Und wer flüstert oder krächzt, wenn die anderen trommeln, darf sich über seine politische Unhörbarkeit nicht wundern.
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