Ein Hofstaat namens ORF
Ich wollte nicht über den ORF schreiben. Mediengeschichten verkaufen sich wie Protokolle eines Unterausschusses. Nur ist der ORF längst keine bloße Mediengeschichte mehr. Er ist eine politische Sittengeschichte: wie ein Land seine wichtigste Informationsmaschine behandelt – nicht wie einen Konzern mit sensibler Produktpalette, sondern wie einen Beutehaufen mit Sendemast.
Natürlich geht es um politische Bestellung und die Spezialdisziplin, aus Parteifreunden Funktionsträger zu machen. Aber in der Empörung über private Chats mit dem Hautgout von Sexismus, Machismus und Hierarchiegefälle geht das Problem verloren: Politischer Einfluss produziert nicht nur Abhängigkeit. Er produziert Unfähigkeit.
Der ORF ist kein Vereinsradio mit Würstelstand. Die letzten geprüften Konzernzahlen nennen für 2024 Erlöse von rund 1,13 Milliarden Euro; der Transparenzbericht 2025 zeigt, dass der Apparat auch nach Sparrunden groß bleibt: noch immer ein Haus mit weit über 3000 Beschäftigten, mit quasireligiösem Auftrag und gottgleich ausgeübter Macht. So etwas führt man nicht nebenbei und nicht mit der Erfahrung eines Abteilungskaisers, der gelernt hat, in Gremien einfältig zu nicken.
Man stelle sich vor, die OMV suchte einen neuen Chef, und am Ende käme einer zum Zug, weil er vorher eine Tankstelle moderiert hat. Oder weil er als Irgendwas-Beauftragter ein paar Mitarbeiter beaufsichtigen durfte und keinem Parteisekretär unangenehm auffiel. Die Börse würde lachen, der Aufsichtsrat würde fliegen. Beim ORF heißt das: ja, Lösung.
Wer einen Milliardenkonzern lenkt, muss mehr gesehen haben als eine Abteilung, eine Welle, ein Landesstudio oder den eigenen Ehrgeiz. Er muss Budgets lesen können, Macht aushalten, Nein sagen, Intrigen überleben, Parteiwünsche abtropfen lassen. Vor allem muss er moralisch geeignet sein, so viele Menschen zu führen, muss die eigene Compliance und jene der Mitarbeiter im Auge haben, das eigene und deren Verhalten im privaten Raum. In echten Großkonzernen wird nicht nur gefragt, ob jemand Zahlen versteht. Es wird abgeklopft, ob diese Persönlichkeit der Macht gewachsen ist: ob sie Verantwortung von Eitelkeit unterscheiden kann, Loyalität von Unterwerfung, Autorität von Einschüchterung.
Vielleicht ist genau das der Kern dessen, was da oben am Küniglberg jetzt abgeht. Wenn Politik Personen nach Verwendbarkeit auswählt, bekommt sie verwendbare Personen. Nicht unbedingt starke. Nicht unbedingt reife. Nicht unbedingt anständige. Sondern solche, die wissen, wem sie etwas verdanken. Daraus entsteht keine Führung, sondern ein Hofstaat mit Dienstplan.
Man blicke zur BBC! Dort übernimmt Matt Brittin, früher Google-Chef für Europa, Nahost und Afrika. Vor ihm stand unter anderem Mark Thompson an der Spitze, später Chef der New York Times Company und jetzt von CNN, oder Tony Hall, zuvor Leiter des Royal Opera House. Die Idee: Dorthin setzt man jemanden, dem ein großer Apparat beim Amtsantritt nicht wie ein Naturereignis erscheint.
Und dann die Aufsicht. In Großkonzernen sitzen im Aufsichtsrat oft Leute, die selbst Konzerne geführt haben, Bilanzen verstehen und wissen, dass Kontrolle nicht die Kunst ist, nach der Sitzung ein Glas Weißwein zu finden. Beim ORF wirkt der Stiftungsrat wie ein weiterer Schauplatz derselben Krankheit: parteinahe Entsendung, politische Verlässlichkeit, keine Konzernerfahrung, allenfalls pietätvolle Vita.
So entsteht am Ende kein Management. So entsteht Verwaltung mit Krone, Loyalität mit Dienstwagen, Mittelmaß mit Pressefoto. Und dann wundern sich alle, wenn aus dem ORF ein öffentlich-rechtlicher Sauhaufen wird.
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