Arbeitssuche mit 60: “Man kommt nicht einmal bis zum Gespräch”

Die Politik fordert längeres Arbeiten. Für viele ältere Arbeitssuchende bleibt das Theorie.
Schwarzach “Der Wunsch der Politik ist, möglichst lang im Arbeitsprozess zu bleiben. Ich stelle aber bei mir fest, dass die Arbeitgeber im Land alles andere als interessiert sind an Mitarbeitern über 50”, sagt Geraldine Steiner. Die 59-Jährige sucht seit einem halben Jahr Arbeit. Sie spricht sechs Sprachen, hat jahrzehntelange Erfahrung in Kommunikation, Marketing und internationalen Projekten gesammelt und mit über 50 berufsbegleitend ein Studium abgeschlossen. Trotzdem bleibt der Erfolg bislang aus.

Auf rund 20 Bewerbungen kam trotz passender Qualifikationen keine einzige Einladung zum Gespräch. Steiner ist kein Einzelfall. Laut Älterenbeschäftigungsmonitoring 2025 beschäftigen 81 Prozent der Betriebe in Österreich keine einzige Person über 60 Jahre. Besonders schwierig ist die Situation für Frauen: Seit der schrittweisen Anhebung des Pensionsalters hat ihre Arbeitslosigkeit stark zugenommen. Im März waren 4670 Frauen im Alter von 60 Jahren arbeitslos – rund dreieinhalbmal so viele wie Anfang 2024. Gleichzeitig steigt die Dauer ihrer Arbeitslosigkeit, die mittlerweile durchschnittlich bis zu 350 Tage beträgt.
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“Das Alter ist wohl ein Thema”
Auch bei Männern steigt die Arbeitslosenquote mit dem Alter und erreicht kurz vor dem Pensionsantritt ihren Höchststand. Heinrich W. kennt diese Hürden. Der 60-Jährige bringt lange Berufserfahrung bei großen Vorarlberger Unternehmen mit, hat sich berufsbegleitend weitergebildet, unter anderem an einer US-Eliteuniversität. Dennoch erhielt er auf rund 30 Bewerbungen nur zwei Einladungen. “Man kommt erst gar nicht bis zu einem Gespräch, um zu zeigen, was man der Firma bieten kann.” Warum Absagen erfolgen, werde nie begründet. Sein Eindruck: “Es werden jüngere Leute gesucht.” Auch Steiner vermutet: “Das Alter ist wohl ein Thema.”

Eine Befürchtung der Arbeitgeber könnte sein, dass man mit dem Alter unflexibel wird und nichts mehr dazulernt, sagt Steiner: “Das kann man aber nicht am Alter festmachen.” Ebenso wie Heinrich W. widerspricht sie der Annahme, dass Ältere generell mehr kosten. “Auch junge Menschen wollen nicht umsonst arbeiten.” Menschen über 55 Jahre seien nicht alle Spitzenmanager.
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Arbeitsmarktpolitisch falsche Anreize
In Vorarlberg entspannt sich die Lage am Arbeitsmarkt zwar leicht, die Situation für ältere Arbeitssuchende bleibt aber angespannt. Die Arbeitslosigkeit bei Menschen über 50 Jahren stieg binnen eines Jahres um mehr als zehn Prozent. Das aktuelle Sparpaket der Bundesregierung könnte diese Entwicklung noch verstärken. Dienstgeber sollen auch für ältere Arbeitnehmer Beiträge zur Arbeitslosenversicherung (AlV) bezahlen. Gespart wird außerdem bei den Eingliederungsbeihilfen für Arbeitgeber, die Langzeitarbeitslose oder ältere Arbeitssuchende einstellen, es geht um 100 Millionen jährlich ab 2027.
Das gewerkschaftsnahe Momentum-Institut warnt zudem vor der Senkung des Dienstgeberbeitrags zum Familienlastenausgleichsfonds (FLAF). Die bisherige Befreiung für Über-60-Jährige fällt ab 2028 weg. Dadurch stiegen die Kosten für einen 63-jährigen Beschäftigten mit Durchschnittseinkommen von derzeit rund 46.800 Euro auf knapp 49.200 Euro pro Jahr. “Die Regierung will, dass Menschen länger arbeiten. Gleichzeitig macht sie ältere Beschäftigte für Betriebe teurer”, kritisiert Momentum-Ökonomin Barbara Schuster.
Für Steiner ist das ein Widerspruch: “Ich denke, man lügt sich in der Politik selbst an, wenn man längeres Arbeiten fordert, aber nicht die Bedingungen schafft, damit Unternehmen ältere Menschen einstellen.” Trotz ihrer Erfahrungen bleibt sie zuversichtlich: “Wenn man willig ist und arbeiten will, wird schon das Richtige kommen. Und dann muss man zugreifen.”