Der neue ORF-Chef über Sparmöglichkeiten: “Wir benötigen nicht immer das große Geschütz”

Clemens Pig über öffentlich rechtlichen Mehrwert auf Social Media, den Sparkurs und die Zukunft des Landesstudios.
Interview: Isabel Russ & Michael Prock
Schwarzach Im ORF soll sich vieles ändern. Zumindest hat der neue Generaldirektor Clemens Pig einiges vor, wie er im VN-Interview erläutert: Neue Medien, Öffnung Richtung Private und mehr Inhalte bei weniger Ressourcen. Im Landesstudio Vorarlberg steht ebenfalls ein Umbruch bevor.
Sie waren am Freitag im Landesstudio Vorarlberg. Wie war Ihr erster Eindruck?
Pig Die Stimmung war hervorragend. Gleichzeitig wollte man viel von mir wissen, was verständlich ist. Mein erster Weg nach der Bestellung der Direktorinnen und Direktoren führt mich in die Landesstudios. Und Vorarlberg ist ein besonderes, weil es besonders in den digitalen Aktivitäten erfolgreich ist. Deshalb war mir wichtig, die Kolleginnen und Kollegen persönlich kennenzulernen. Die neue Landesdirektorin Julia Ortner hat mich ja auch begleitet.
Warum musste Markus Klement für Julia Ortner Platz machen?
Pig Die Bestellung der Landesdirektionen war wie meine eigene. Zum ersten Mal in Europa war es ein Vorgang nach dem europäischen Medienfreiheitsgesetz. Deshalb habe ich auch zwei externe Berater dazu eingeladen. Das schaffte Vertrauen in einen objektiven und ehrlichen Prozess, deshalb haben sich viele Menschen beworben. Auch in den Landesdirektionen. Alle Bewerber wurden gleich behandelt. Unterm Strich hat Julia Ortner mit ihrem Zukunftskonzept, mit ihrer journalistischen Karriere und ihrer Managementkarriere die Anforderungen besser erfüllt.

Was wird Markus Klement in Zukunft machen?
Pig Er hat unbestrittenermaßen große Stärken in der Frage, wie man Landesstudios effizient führt und in die digitale Ära überführt. Und auch, wie man Landesstudios in ihrer gesamten Marke und Marketingwahrnehmung gut aufstellt. Nun geht es darum, dass er dieses Know-how in seiner neuen Rolle auch allen anderen Landesstudios zur Verfügung stellt.
Der ORF muss sparen. Wird es auch das Landesstudio Vorarlberg treffen?
Pig Es zählt sicherlich zu jenen Landesstudios, die schon sehr effizient aufgestellt sind. Der zentrale Punkt liegt in der Frage, wie man mit weniger werdenden Ressourcen mehr Inhalte für das gesamte österreichische Programm liefern kann. Es geht hier sehr stark um das Thema Effizienz in der Produktion, beispielsweise durch Smart Producing. Wir benötigen nicht immer das große Geschütz. Kann es zu Standardisierungen kommen? Braucht es immer gleich die großen Regieplätze? Ich komme aus einem privatwirtschaftlich geführten Unternehmen, wo wir alle über die letzten Jahre hinweg lernen mussten, mit weniger Ressourcen ein hohes Qualitätsniveau zu halten, auch die Extrameile zu gehen und die Organisation schlank zu halten.

Das heißt, es könnte auch Personal in der Redaktion gekürzt werden?
Pig Ich kann zum aktuellen Zeitpunkt insgesamt für den gesamten ORF-Konzern keine Reduktion ausschließen, auch im Redaktionsbereich nicht. Das betrifft alle Einheiten, auch die Landesstudios.
Bei Privatmedien ist es längst normal, dass Redakteure mit dem Handy unterwegs sind und Video und Audio mitliefern. Kann der ORF von Privatmedien lernen?
Pig Absolut. Der ORF kann und muss benchmarkfähig sein. Er muss diese Learnings auch in der eigenen Organisation anwenden. Und er muss insbesondere im regionalen Raum offen sein für vielfältige Formen der Kooperation mit den regionalen Medien.
Der ORF darf nur eine gewisse Menge an Online-Artikeln publizieren. Wie stehen Sie zu dieser Schranke?
Pig Diese Restriktionen für ORF.at sind eingeführt worden, um die Koexistenz mit den Privaten zu ermöglichen. Dieser Punkt ist so weit in Ordnung. Wichtig ist, dass sich ORF.at insgesamt zu einer multimedialen Plattform entwickelt, die dem ORF entspricht. Außerdem muss sich ORF.at für private Medien öffnen, damit Kooperationen Realität werden. Entscheidend ist neben ORF.at die Frage, wie sich der ORF auf Social Media bewegt. Öffentlich-rechtliche Inhalte sollen alle Menschen erreichen. Dann muss man sie auch dort ausspielen, wo die Menschen sind. Und das sind heutzutage eben diese Plattformen. Auch hier gilt aber ein sehr behutsames Vorgehen mit Blick auf die private Medienlandschaft.
Die Kooperation könnte auch bedeuten, dass ORF.at auf Exklusivrecherchen von privaten Medien verlinkt?
Pig Ja, absolut.

Wir sehen in ORF-Auftritten auf Social Media nicht nur Public Value, sondern auch lustige Straßenumfragen und witzige Videos ohne viel Inhalt. Wie passt das zusammen?
Pig Im gesetzlichen Programmauftrag stehen Information, Kultur, Sport und Unterhaltung. Ich bin schon der Meinung, dass Journalismus so präsentiert werden muss, dass er alle Menschen erreicht, auch jüngere. Die Inhalte müssen zielgruppenspezifisch aufbereitet werden. Dazu zählen auch unterhalterische Formate.
