Wer steht auf unseren Denkmälern?

Wie der Fall Vallaster die Gedenkkultur verändert hat – und wo es noch blinde Flecken gibt.
Schwarzach Ein Name auf einem Kriegerdenkmal kann eine ganze Erzählung ins Wanken bringen. Als Josef Vallaster 2007 auf dem Denkmal im Silbertal zum Thema wurde, ging es nicht mehr nur um einen gefallenen Soldaten. Vallaster war an den Morden an Kranken in Hartheim und Juden in Sobibor beteiligt. Auf dem Silbertaler Denkmal stand sein Name in der Reihe der Gefallenen – seine Rolle als Täter war dort nicht erkennbar. Für Johannes Spies, damals ein junger Lehrer, wurde die Geschichte zum Ausgangspunkt einer Frage, die bis heute offen ist: Wen erinnern die Denkmäler – und wen machen sie unsichtbar? Jetzt hat er einen Sammelband herausgegeben mit dem Titel: “Von der Opferthese zur Mitverantwortung. Weltkriegsdenkmale in Vorarlberg.” In der neuen Folge des VN-Podcasts “Nachhall” spricht er mit VN-Politikchef Michael Prock unter anderem über Vallaster, die Erinnerungskultur in Vorarlberg und die Entstehungsgeschichte von Denkmälern.
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Nach 1945 wurden die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs oft zu den bestehenden Kriegerdenkmälern hinzugefügt. So entstand das Bild vom gemeinsamen Opfer, das die Frage nach den Tätern leicht ausblendete. Spies ist überzeugt: “Wenn eh alle Opfer sind, wird die Frage nach den Tätern nicht gestellt.” Dies könnte bei vielen weiteren Denkmälern so sein. Allein in Dornbirn hat er zehn Kriegerdenkmäler aus der Zeit zwischen 1918 und 1945 gezählt. Landesweit könnten es mehrere hundert sein. Ob sich darunter weitere Namen wie jener Vallasters befinden? Spies kann es nicht ausschließen.

Manche Biografien fehlen auf den Denkmälern bis heute. Spies erzählt von einem Mann aus Bludenz, der als homosexuell verfolgt, verhaftet und zu Haftstrafen verurteilt wurde. Er überlebte die Verfolgung, kehrte nach Vorarlberg zurück und arbeitete im Familienbetrieb. Eine Anerkennung als Opfer blieb ihm zu Lebzeiten verwehrt. Für Spies zeigt das, dass die Forschung noch längst nicht alle Geschichten erzählt hat – und Erinnerung nicht nur den Menschen gelten sollte, die im Krieg gestorben sind.

Eine andere, lange vergessene Lebensgeschichte führt nach Dornbirn. Selma Mitteldorf kam 1918 in die Stadt und baute dort die Säuglingsfürsorge auf. Mehr als zwei Jahrzehnte kümmerte sich die aus einer jüdischen Gemeinde in Hannover stammende Kinderkrankenschwester um Kinder und Mütter. Wenige Tage nach dem “Anschluss” Österreichs an das Deutsche Reich nahm sie sich das Leben. In den Geschichtsdarstellungen verschwand Mitteldorf für Jahrzehnte. Nun soll der Hermann-Gmeiner-Park nach ihr benannt werden.

Wie können solche Geschichten im öffentlichen Raum sichtbar bleiben? Spies spricht sich dafür aus, problematische Denkmäler nicht einfach abzureißen, sondern sie zu erklären und kritisch zu ergänzen. “Ich bin sehr dafür, dass wir uns auf eine kritische Art und Weise damit auseinandersetzen”, sagt er. In Dornbirn markierten Schülerinnen und Schüler einen Gedenkort, an dem viele vorbeigingen, mit weißen Pfeilen. Auch in Au entwickelt sich das Gedenken weiter: Beim 100. Jubiläum des Kameradschaftsbunds wurde im Oktober am Kriegerdenkmal eine Gedenktafel für die Euthanasieopfer der Gemeinde enthüllt.

In der neuen Folge von VN-Nachhall spricht Johannes Spies außerdem über Stolpersteine und die Kritik, man trete auf ihnen die Erinnerung mit Füßen. Dabei gehe es auch darum, trotz unterschiedlicher Sichtweisen im Gespräch zu bleiben. Denn: “Das Schlechteste, was passieren kann, ist, wenn man an einem Denkmal nicht mehr miteinander spricht.” Die Folge ist auf YouTube und VOL.at zu sehen und auf allen gängigen Podcastplattformen zu hören.