Warum längeres Arbeiten für viele ältere Vorarlberger zum Problem wird

300 Bewerbungen und trotzdem kein Job: Ein Fall aus Hohenems zeigt das Dilemma älterer Arbeitsuchender. Neos und ÖGB haben unterschiedliche Vorstellungen, wie Ältere länger im Job bleiben könnten.
Schwarzach Seit rund dreieinhalb Jahren steigt in Österreich die Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig droht durch den demografischen Wandel ein Mangel an Arbeitskräften. Bis 2050 könnten laut Prognosen rund 120.000 Arbeitskräfte fehlen. Die Rezepte dagegen: Zuwanderung, weniger Teilzeit und länger arbeiten. Gerade bei älteren Arbeitnehmern gehen die Vorstellungen auseinander: Während der ÖGB Unternehmen mit einem Bonus-Malus-System stärker in die Pflicht nehmen will, setzen die Neos auf ein neues Modell für gesundheitlich eingeschränkte Beschäftigte.
Wie schwierig die Jobsuche für Ältere ist, zeigen die Zahlen aus Vorarlberg: 2270 Menschen über 55 Jahre sind derzeit arbeitslos gemeldet. 934 davon suchen bereits länger als ein Jahr nach Arbeit. Das entspricht mehr als 40 Prozent dieser Altersgruppe. Der Vorarlberger Neos-Sozialsprecher und Nationalratsabgeordnete Johannes Gasser sieht gesundheitliche Einschränkungen als zentrale Hürde. 41 Prozent der arbeitslosen über 50-Jährigen seien gesundheitlich beeinträchtigt, bei den über 55-Jährigen sogar 45 Prozent, berichtete er bei einem Hintergrundgespräch.
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Arbeiten, soweit es die Gesundheit zulässt
“Bisher war unser System sehr auf Schwarz-Weiß-Denken ausgelegt: Entweder du bist voll arbeitsfähig oder gar nicht. Dabei gibt es genug Schattierungen dazwischen”, sagt Gasser und plädiert für ein Modell der Teilarbeitsfähigkeit. Denn wer nicht mehr Vollzeit arbeiten kann, soll dadurch nicht automatisch ganz aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Betroffene könnten beispielsweise 15 statt 40 Stunden pro Woche arbeiten oder von einer körperlich belastenden in eine gesundheitlich besser geeignete Tätigkeit wechseln. Dafür sollen sie ein reguläres Gehalt erhalten.

Beim Rehabilitationsgeld sieht er Reformbedarf. Betroffene würden oft jahrelang zwischen Pensionsversicherungsanstalt, ÖGK und AMS hängen bleiben. Sie seien dann “zu krank, um zu arbeiten, aber zu gesund, um in Pension geschickt zu werden”. Auch das Case-Management bei langen Krankenständen müsse früher eingreifen.
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ÖGB: Betriebe stärker in die Pflicht nehmen
Auch ÖGB-Landesvorsitzender Reinhard Stemmer sieht grundsätzlich eine schwierige Situation für ältere Arbeitsuchende. Er verweist etwa auf einen 60-jährigen Hohenemser, der trotz jahrzehntelanger Berufserfahrung und rund 300 Bewerbungen keine neue Beschäftigung gefunden hat: “Und gleichzeitig wird ernsthaft darüber diskutiert, Menschen bis 67 oder gar 70 arbeiten zu lassen. Das ist ein Widerspruch, der größer kaum sein könnte.” Statt das Pensionsalter anzuheben, müsse zunächst sichergestellt werden, dass ältere Menschen überhaupt eine Chance auf einen Arbeitsplatz haben.

Beim Lösungsansatz unterscheiden sich die Positionen. Stemmer fordert ein Bonus-Malus-System: Betriebe, die ältere Arbeitnehmer einstellen und halten, sollen gezielt unterstützt werden. Unternehmen, die ältere Beschäftigte systematisch ausschließen oder vorzeitig aus dem Arbeitsleben drängen, sollen hingegen stärker zur Verantwortung gezogen werden. Gasser hält davon wenig: “Wer glaubt, dieses Ziel mit Strafzahlungen für Unternehmen erreichen zu können, glaubt auch, dass ein Strafzettel den Motorschaden behebt.” Er betont: “Die Teilarbeitsfähigkeit steht im Regierungsprogramm, der Bonus-Malus nicht.”
Altersgerechte Arbeitsplätze
Einig sind sich Gasser und Stemmer, dass es eine Qualifizierungsoffensive, bessere Rehabilitations- und Präventionsangebote sowie altersgerechte Arbeitsplätze benötigt. Gerade in der Pflege, am Bau und in der Produktion sei es für viele schwierig, gesundheitlich bis zur Pension durchzuhalten, sagt Stemmer. Auch Gasser fordert frühzeitige Umschulungen, insbesondere bei Berufen, die häufig zu Invalidität oder Berufsunfähigkeit führen.