Er rettete Verfolgte – und musste selbst vor den Nazis fliehen

Meinrad Juen half nicht nur Jüdinnen und Juden über den Rätikon. Er stellte sich auch selbst gegen das NS-Regime.
Schwarzach „Wir zittern vor Angst, Kälte und Bedauern über ungelebte Liebesnächte.“ Oktober 1942. Irgendwo auf dem Rätikon, auf 2000 Metern Höhe. Inge Neufeld liegt mit ihrem Verlobten Otto und ihrer Mutter in einer Mulde. Sie dürfen sich nicht bewegen und nicht auffallen, bis die Grenzpolizisten vorbeigezogen sind. Der jüdischen Familie aus Wien gelingt die Flucht über die Berge in die Schweiz, bevor die Nationalsozialisten sie aufspüren können.
Jahrzehnte später, inzwischen mit dem Nachnamen Ginsberg, kehrt sie ins Montafon zurück. Am Grab ihres Fluchthelfers Meinrad Juen, erzählt sein Großneffe Friedrich Juen, sagt sie: „Ohne Meinrad würde ich nicht leben. Und ich hatte ein schönes Leben.“ Ginsberg erinnerte sich, Juen habe ihren Koffer getragen und sie selbst ein Stück über den Berg gebracht. Wer war Meinrad Juen? Im VN-Podcast „Nachhall“ erzählt Friedrich Juen, wie sein Großonkel zum Fluchthelfer wurde, wie die Flucht über die Montafoner Berge ablief und wie Juen den Nationalsozialisten entkam, als er während des Krieges untertauchte.


Meinrad Juen, 1886 in St. Gallenkirch geboren, wuchs in einer kinderreichen Bauernfamilie auf. Als Jugendlicher schmuggelte er Felle, Tabak, Kaffee und Zucker über die Grenze. Später arbeitete er als Metzger und Händler. Sein Großneffe beschreibt ihn so: „Er war ein einzigartiger Mensch. Er hat viele Sachen gemacht, die nicht logisch waren. Man konnte ihn nie einschätzen.“

Und er blieb stets seiner Linie treu: 1938 stellte sich Juen beim sogenannten Anschluss Österreichs gegen das NS-Regime. „Er war einer von diesen sechs Personen in St. Gallenkirch, die gegen den Anschluss gestimmt haben“, erzählt Friedrich Juen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde aus dem Schmuggler ein Fluchthelfer. Juen und sein Bruder Wilhelm brachten Jüdinnen und Juden über die Berge in die Schweiz. Ein Gendarmeriebericht nennt 42 Menschen, denen er geholfen haben soll. Zu ihnen gehörte die Familie Neufeld. Ein später gefundener Meldezettel belegt, dass Juen in Wien als Pelzhändler gemeldet war. Er hatte den Kontakt vor seiner Familie offenbar geheim gehalten. Möglicherweise half er noch mehr Menschen; dokumentiert sind nicht alle Fluchten.

Seine Motive waren nicht nur Nächstenliebe. Die Fluchthilfe brachte Geld ein, Reich wurde er davon aber nicht. Laut einer Familienerinnerung brachte die Fluchthilfe für sieben Menschen mehr ein als der Viehverkauf. Zugleich riskierte Juen sein Leben. „Da ist es wirklich ums Leben gegangen, aber ums eigene Leben“, sagt sein Großneffe. Wer bei der Fluchthilfe erwischt wurde, musste mit schweren Strafen bis hin zur Erschießung rechnen.

Im Oktober 1942 wurde Juen verhaftet, nachdem seine Adresse in Wien entdeckt worden war. Er floh durch eine Hintertür und blieb zweieinhalb Jahre untergetaucht, bei Verwandten und Bekannten. Niemand verriet ihn. Er führte seine Geschäfte fort. Selbst unter den Ordnungshütern gab es Mitwissern, die von ihm Fleisch und andere Waren kauften. So blieb Juen mitten im Dorf verborgen. So überlebte er den Krieg.

Nach 1945 wurde Juen einvernommen, aber nicht geehrt. Über seine Hilfe wurde lange geschwiegen. Juen starb 1949, bevor die Aufarbeitung begann. Erst Jahrzehnte später erzählten Angehörige von seinem Mut. Seit 2022 erinnert eine Gedenktafel in St. Gallenkirch an ihn. Dass seine Geschichte heute erzählt wird, ist auch seinem Großneffen Friedrich Juen zu verdanken. Die Folge von „Nachhall“ ist auf Ländle TV und VOL.at als Video zu sehen und auf den gängigen Podcast-Plattformen zu hören.
