Im Reich des feurigen Riesen

Reise / 06.06.2014 • 11:24 Uhr
Im Reich des feurigen Riesen

Die Ostküste Siziliens dominiert der höchste und aktivste Vulkan Europas. Der Ätna.

Reise. (srt/Boolakee) Mitten in der Nacht ergriffen die Hotelgäste im Pyjama die Flucht. Dann wurden das schmucke Hotel und die Skilifte vom glühend heißen Lavastrom niedergewalzt. Noch heute steht der Schrecken über den verheerenden Ausbruch im Oktober 2002 der Reiseführerin Lara Mansfeld ins Gesicht geschrieben. „Furchtbar und fruchtbar, wie die sizilianischen Frauen“, so beschreibt Mansfeld, die seit 25 Jahren hier lebt, das Wahrzeichen Siziliens. Obwohl Vulkanologen mit empfindlichen Seismometern jedes Grummeln und Räuspern des Berges messen, bleibt der Ätna unberechenbar.

Im östlichen Teil der Insel ist der Vulkan allgegenwärtig. Bereits beim Landeanflug nach Catania können die Passagiere einen Blick auf den rauchenden Riesen werfen. In Catania selbst führt die Hauptflaniermeile der Stadt, die Via Etnea, schnurstracks zum Vulkan, und im Griechischen Theater von Taormina bildet er eine atemberaubende Kulisse.

600.000 Jahre alt

Der Ätna gilt mit seinen rund 600.000 Jahren noch als junger Vulkan. Südlich von Sizilien verläuft die Plattengrenze zwischen Afrika und Europa. Dort taucht aufgrund der Kontinentaldrift die nordafrikanische Platte unter die eurasische und verursacht neben den Vulkanausbrüchen auch die heftigen Erdbeben in dieser Region. Der höchste Gipfel ragt derzeit etwa 3323 Meter empor, doch auch das kann sich jederzeit ändern. Aber jedes Beben und jeder Ausbruch ist auch nützlich für den Tourismus. „Je desaströser ein Ausbruch ist, umso mehr Besucher kommen“, sagt Mansfeld. Während auf der Südseite des Berges eine Seilbahn und Geländebusse täglich Tausende Besucher zu den Kratergipfeln transportieren, ruht die touristisch deutlich weniger erschlossene Nordseite noch in einem Dornröschenschlaf. Dort stapfen wir mit Lara Mansfeld und ihrem Mann Franco Emmi, einem erfahrenen Bergführer, auf fast 2000 Meter Höhe durch die bizarre, schwarze Vulkanwüste. Die erstarrten Lavasteine knirschen unter unseren Sohlen. Unweit von Taormina sind wir inmitten eines duftenden Orangen- und Zitronengartens in dünnen T-Shirts aufgebrochen. Nachdem es die ganze Nacht geregnet hat, umhüllen jetzt, am Morgen, dichte Nebelschwaden die schneebedeckten Ätnagipfel, und es ist beißend kalt. Jacken, Handschuhe und Mützen werden eilig angezogen. „Während einer Ätnawanderung durchqueren wir alle Breitengrade Europas, von Sizilien bis Spitzbergen“, erklärt Mansfeld.