Wettlauf um die erste Rennpiste

Mit harten Bandagen wurde in Spielberg der Österreich-Ring durchgesetzt.
spielberg. (dg) In wenigen Tagen steigt die 30. Auflage des Formel-1-GP von Österreich. Nur noch wenige Motorsport-Freaks können sich heute daran erinnern, dass es 1969 zwischen dem Salzburg-Ring und dem Österreich-Ring in der Steiermark einen erbitterten Wettlauf um den Bau der ersten Rennstrecke gab. Jochen Rindts unaufhaltsamer Aufstieg zur absoluten Weltklasse hatte zu einem unglaublichen Rennsport-Boom geführt, dem jetzt die Krone aufgesetzt werden sollte. In der Steiermark war vor allem die dortige ÖAMTC-Organisation felsenfest überzeugt, nur hier könne in Fortsetzung der Flugplatzrennen von Zeltweg der Bau einer permanenten Rennstrecke umgesetzt werden. Man wollte dem in Graz aufgewachsenen Jochen Rindt – dem Lokalmatador – quasi eine Spielwiese und Bühne bauen. Unglaublich eingesetzt hatte sich auch der Knittelfelder Rechtsanwalt Gustav Tiroch. Der Österreich-Ring im steirischen Murtal im Hügelland der Gemeinde Spielberg war sein Lebenswerk. Tiroch hatte es verstanden, den legendären steirischen Landeshauptmann Josef Krainer von Beginn an als Verbündeten zu gewinnen und ihn zu überzeugen, dass mit dem Bau der Rennstrecke wirtschaftliche Impulse geschaffen werden würden.
Agenten und Sprüche
Doch die Steirer mussten sich mit Willy Löwinger, dem damaligen umtriebigen Rennveranstalter, herumärgern. Löwinger führte den Österreichischen Automobilsportclub (ÖASC), er war der Architekt der Berg-Europameisterschaft, Veranstalter der legendären Flugplatzrennen von Wien-Aspern und Innsbruck. Löwinger posaunte selbstherrlich: „Ich bin schneller als die ‚Steirer-Trotteln‘“. Er wollte unbedingt in Salzburg eine Rennstrecke, nahe zur deutschen Grenze, weil dort die wichtigen Autoimporteure saßen. Löwinger fasste ein Gelände in Thalgau nahe der Autobahnausfahrt für seinen Salzburg-Ring ins Auge. Doch weil Zusagen von Grundstücksbesitzern nicht hielten – angeblich nach Einflussnahme von steirischen „Agenten“ – kam er mächtig unter Druck, denn im Murtal fuhren schon die Bagger und Planierraupen auf. Die Gemeinden Plainfeld und Koppl boten Hilfe an und weil Löwinger unter Zeitdruck kam, musste er jetzt seine Strecke in die enge Talrinne im Nesselgraben hineinpferchen, was eine echte Notlösung war. Niki Lauda meinte später einmal über den Salzburgring: „Das ist die längste Pissrinne der Welt.“ Löwinger schäumte und verzieh das Niki nie.
„Steirer-Connection“ als Sieger
Jedenfalls hatte sich beim Wettlauf um die erste permanente Rennstrecke ein richtiges Netz von Spionen etabliert, um sich über den aktuellen Baufortschritt des Gegners auf dem Laufenden zu halten. Zuvor hatte sich die „Salzburg-Connection“ schon bereit erklärt, den Steirern die Kosten aller Vorarbeiten – damals schon rund fünf Millionen Schilling – zu ersetzen, wenn sie dafür im Gegenzug die Baupläne verwerfen würden. Doch für Tiroch war Löwingers Angebot blanker Zynismus, keinen Gedanken wert. Es bauten sich große Rivalitäten auf, der Wettlauf wurde mit harten Verbalattacken ausgetragen. Schlussendlich hatten die Steirer einfach die besseren Karten und gewannen das Rennen um die erste Rennstrecke: Am 27. Juli 1969 eröffnete Josef Krainer den Österreich-Ring. Salzburg verlor den Wettlauf um acht Wochen. Am 21. September 1969 nahm Landeshauptmann Hans Lechner die Eröffnung des Salzburg-Rings vor.
Beide Rennstrecken kosteten je rund 26 Millionen Schilling. Der Ö-Ring wurde 5,9 Kilometer lang und zählte sofort – mit Silverstone und Monza – zu den schnellsten Rennstrecken Europas. 1970 gastierte der Formel-1-Zirkus mit Rindt bereits in der Steiermark, der 4,3 km lange Salzburgring (mit seiner ebenfalls prachtvollen Naturarena) bekam andere Highlights, wie die Motorrad-WM und Läufe zur Formel-2- oder Tourenwagen-EM.
Jochen Rindt, wegen dem man hauptsächlich den ganzen „Zinnober“ aufführte, hatte nicht mehr viel von den beiden neuen Rennstrecken. Am 30. August 1970 gewann er noch auf dem Salzburgring mit seinem Lotus 69 die Formel-2-Veranstaltung vor Jacky Ickx. Eine Woche später war er tot.
Motorsport
Die bisherigen 29 Sieger des Grand Prix von Österreich
Militärflugplatz Zeltweg
1964: Lorenzo Bandini (Ita) Ferrari
Österreich-Ring, Spielberg
1970: Jacky Ickx (Bel) Ferrari
1971: Jo Siffert (Sui) BRM
1972: Emerson Fittipaldi (Bra) Lotus
1973: Ronnie Peterson (Swe) Lotus
1974: Carlos Reutemann (Arg) Brabham
1975: Vittorio Brambilla (Ita) March
1976: John Watson (Gbr) Penske
1977: Alan Jones (Aus) Shadow
1978: Ronnie Peterson (Swe) Lotus
1979: Alan Jones (Aus) Williams
1980: Jean-Pierre Jabouille (Fra) Renault
1981: Jacques Laffite (Fra) Ligier
1982: Elio de Angelis (Ita) Lotus
1983: Alain Prost (Fra) Renault
1984: Niki Lauda (Aut) McLaren
1985: Alain Prost (Fra) McLaren
1986: Alain Prost (Fra) McLaren
1987: Nigel Mansell (Gbr) Williams
A-1-Ring, Spielberg
1997: Jacques Villeneuve (Can) Williams
1998: Mika Häkkinen (Fin) McLaren
1999: Eddie Irvine (Gbr) Ferrari
2000: Mika Häkkinen (Fin) McLaren
2001: David Coulthard (Gbr) McLaren
2002: Michael Schumacher (Ger) Ferrari
2003: Michael Schumacher (Ger) Ferrari
Red-Bull-Ring, Spielberg
2014: Nico Rosberg (Ger) Mercedes-Benz
2015: Nico Rosberg (Ger) Mercedes-Benz
2016: Lewis Hamilton (Gbr) Mercedes-Benz