Wettlauf um die erste Rennpiste

Sport / 04.07.2017 • 22:02 Uhr
Österreich-Ring, 27. Juli 1969: Beim Eröffnungsrennen ist auch der Bludenzer Rudi Lins mit seinem Porsche 908 (mit der Nummer drei) mit von der Partie. Foto: Bildarchiv MAnfred Noger
Österreich-Ring, 27. Juli 1969: Beim Eröffnungsrennen ist auch der Bludenzer Rudi Lins mit seinem Porsche 908 (mit der Nummer drei) mit von der Partie. Foto: Bildarchiv MAnfred Noger

Mit harten Bandagen wurde in Spielberg der Österreich-Ring durchgesetzt.

spielberg. (dg) In wenigen Tagen steigt die 30. Auflage des Formel-1-GP von Österreich. Nur noch wenige Motorsport-Freaks können sich heute daran erinnern, dass es 1969 zwischen dem Salzburg-Ring und dem Österreich-Ring in der Steiermark einen erbitterten Wettlauf um den Bau der ersten Rennstrecke gab. Jochen Rindts unaufhaltsamer Aufstieg zur absoluten Weltklasse hatte zu einem unglaublichen Rennsport-Boom geführt, dem jetzt die Krone aufgesetzt werden sollte. In der Steiermark war vor allem die dortige ÖAMTC-Organisation felsenfest überzeugt, nur hier könne in Fortsetzung der Flugplatzrennen von Zeltweg der Bau einer permanenten Rennstrecke umgesetzt werden. Man wollte dem in Graz aufgewachsenen Jochen Rindt – dem Lokalmatador – quasi eine Spielwiese und Bühne bauen. Unglaublich eingesetzt hatte sich auch der Knittelfelder Rechtsanwalt Gustav Tiroch. Der Österreich-Ring im steirischen Murtal im Hügelland der Gemeinde Spielberg war sein Lebenswerk. Tiroch hatte es verstanden, den legendären steirischen Landeshauptmann Josef Krainer von Beginn an als Verbündeten zu gewinnen und ihn zu überzeugen, dass mit dem Bau der Rennstrecke wirtschaftliche Impulse geschaffen werden würden.

Agenten und Sprüche

Doch die Steirer mussten sich mit Willy Löwinger, dem damaligen umtriebigen Rennveranstalter, herumärgern. Löwinger führte den Österreichischen Automobilsportclub (ÖASC), er war der Architekt der Berg-Europameisterschaft, Veranstalter der legendären Flugplatzrennen von Wien-Aspern und Innsbruck. Löwinger posaunte selbstherrlich: „Ich bin schneller als die ‚Steirer-Trotteln‘“. Er wollte unbedingt in Salzburg eine Rennstrecke, nahe zur deutschen Grenze, weil dort die wichtigen Autoimporteure saßen. Löwinger fasste ein Gelände in Thalgau nahe der Autobahnausfahrt für seinen Salzburg-Ring ins Auge. Doch weil Zusagen von Grundstücksbesitzern nicht hielten – angeblich nach Einflussnahme von steirischen „Agenten“ – kam er mächtig unter Druck, denn im Murtal fuhren schon die Bagger und Planierraupen auf. Die Gemeinden Plainfeld und Koppl boten Hilfe an und weil Löwinger unter Zeitdruck kam, musste er jetzt seine Strecke in die enge Talrinne im Nesselgraben hineinpferchen, was eine echte Notlösung war. Niki Lauda meinte später einmal über den Salzburgring: „Das ist die längste Pissrinne der Welt.“ Löwinger schäumte und verzieh das Niki nie.

„Steirer-Connection“ als Sieger

Jedenfalls hatte sich beim Wettlauf um die erste permanente Rennstrecke ein richtiges Netz von Spionen etabliert, um sich über den aktuellen Baufortschritt des Gegners auf dem Laufenden zu halten. Zuvor hatte sich die „Salzburg-Connection“ schon bereit erklärt, den Steirern die Kosten aller Vorarbeiten – damals schon rund fünf Millionen Schilling – zu ersetzen, wenn sie dafür im Gegenzug die Baupläne verwerfen würden. Doch für Tiroch war Löwingers Angebot blanker Zynismus, keinen Gedanken wert. Es bauten sich große Rivalitäten auf, der Wettlauf wurde mit harten Verbalattacken ausgetragen. Schlussendlich hatten die Steirer einfach die besseren Karten und gewannen das Rennen um die erste Rennstrecke: Am 27. Juli 1969 eröffnete Josef Krainer den Österreich-Ring. Salzburg verlor den Wettlauf um acht Wochen. Am 21. September 1969 nahm Landeshauptmann Hans Lechner die Eröffnung des Salzburg-Rings vor.

Beide Rennstrecken kosteten je rund 26 Millionen Schilling. Der Ö-Ring wurde 5,9 Kilometer lang und zählte sofort – mit Silverstone und Monza – zu den schnellsten Rennstrecken Europas. 1970 gastierte der Formel-1-Zirkus mit Rindt bereits in der Steiermark, der 4,3 km lange Salzburgring (mit seiner ebenfalls prachtvollen Naturarena) bekam andere Highlights, wie die Motorrad-WM und Läufe zur Formel-2- oder Tourenwagen-EM.

Jochen Rindt, wegen dem man hauptsächlich den ganzen „Zinnober“ aufführte, hatte nicht mehr viel von den beiden neuen Rennstrecken. Am 30. August 1970 gewann er noch auf dem Salzburgring mit seinem Lotus 69 die Formel-2-Veranstaltung vor Jacky Ickx. Eine Woche später war er tot.

Motorsport

Die bisherigen 29 Sieger des Grand Prix von Österreich

Militärflugplatz Zeltweg

1964: Lorenzo Bandini (Ita) Ferrari

Österreich-Ring, Spielberg

1970: Jacky Ickx (Bel) Ferrari

1971: Jo Siffert (Sui) BRM

1972: Emerson Fittipaldi (Bra) Lotus

1973: Ronnie Peterson (Swe) Lotus

1974: Carlos Reutemann (Arg) Brabham

1975: Vittorio Brambilla (Ita) March

1976: John Watson (Gbr) Penske

1977: Alan Jones (Aus) Shadow

1978: Ronnie Peterson (Swe) Lotus

1979: Alan Jones (Aus) Williams

1980: Jean-Pierre Jabouille (Fra) Renault

1981: Jacques Laffite (Fra) Ligier

1982: Elio de Angelis (Ita) Lotus

1983: Alain Prost (Fra) Renault

1984: Niki Lauda (Aut) McLaren

1985: Alain Prost (Fra) McLaren

1986: Alain Prost (Fra) McLaren

1987: Nigel Mansell (Gbr) Williams

A-1-Ring, Spielberg

1997: Jacques Villeneuve (Can) Williams

1998: Mika Häkkinen (Fin) McLaren

1999: Eddie Irvine (Gbr) Ferrari

2000: Mika Häkkinen (Fin) McLaren

2001: David Coulthard (Gbr) McLaren

2002: Michael Schumacher (Ger) Ferrari

2003: Michael Schumacher (Ger) Ferrari

Red-Bull-Ring, Spielberg

2014: Nico Rosberg (Ger) Mercedes-Benz

2015: Nico Rosberg (Ger) Mercedes-Benz

2016: Lewis Hamilton (Gbr) Mercedes-Benz