Die letzte Bastion ist endlich gefallen
Normalerweise zählt man die Plätze, an denen man überall gewonnen hat. Bei einem Einzigen, den ich kenne, zählt man die Orte, an denen er noch nicht gewinnen konnte. Und das war bei Marcel Hirscher einzig Wengen. Der letzte weiße Fleck bekam gestern Farbe, und was für eine Farbe! Sein letzter verbliebener wirklicher Konkurrent, Henrik Kristoffersen, gab alles. Nach einer vollen und fast makellosen Attacke durfte der Norweger schon wieder nur von der zweithöchsten Stufe des Podiums aus seinem großen Widersacher die Hand schütteln. Dieses Mal unterließ er es geflissentlich, einen Wutanfall im Ziel zu veranstalten. Ich glaube, auch Kristoffersen hat nun seinen Meister akzeptiert.
Was macht Hirscher so übermenschlich, unschlagbar, gigantisch? Es gibt keine Erklärung dafür. Wenn ich ihn treffe, verhält er sich natürlicher wie viele andere, die kaum mal aufs Podium klettern. Ist ausgeglichen, freundlich, aber bestimmt. Was er sagt, meint er auch, und die Antworten sind kurz und treffend. Sein Vater Ferdl sagt meist gar nichts, außer man zwingt ihn dazu.
Irgendwie ist Marcel sehr menschlich und sympathisch. Also nichts, wo man etwas Besonderes vermuten könnte. Vielleicht ist es aber auch genau das, was ihm diese unglaubliche Stärke gibt.
Und wieder muss der österreichische Skiverband sich mannschaftlich mit Hirscher brüsten. Denn die Abfahrer konnten Feuz und Svindal am Lauberhorn nicht biegen. Einen Grund gab es da allerdings schon. Der obere Abschnitt wurde nach nur wenigen Nummern durch einen Wärmeeinbruch langsamer. Der Schnee feucht und entscheidend schwerer. Das verhagelte den Österreichern die Chancen auf den Sieg. Die Richtung stimmte trotzdem, denn die heimliche Weltmeisterschaft in Kitzbühel winkt schon in dieser Woche.
„Irgendwie ist Marcel sehr menschlich und sympathisch. Vielleicht ist es aber auch genau das, was ihm diese unglaubliche Stärke gibt.“
Marc Girardelli
sport@vn.at
Marc Girardelli zählt mit fünf Gesamt-Weltcupsiegen zu den erfolgreichsten alpinen Rennläufern im Skizirkus.
Kommentar