Toni Innauer

Kommentar

Toni Innauer

„Lieber gut gegangen als schlecht gefahren . . .“

Sport / 31.05.2019 • 20:26 Uhr

Wir sind leicht zu faszinieren, wenn es um Bewegungserleichterung, im Fall von Segways,

E-Scootern, Hoverboards oder Solo-Wheels noch dazu um coole, geräuscharme, aufladbare, „nachhaltige“ Formen des bequemen Ortswechsels geht. Auch „the last Mile“ in den Ortszentren soll – so die Werbung – lustvoll und stylisch gerollt werden.

Ist es wurscht, wenn noch die letzten Gehschritte unter die Räder kommen? Wie z. B. in Salzburg, wo ernsthaft der Bau einer U-Bahn überlegt wird. Sie soll ganze 700, fußläufig offenbar nicht mehr zumutbare Meter lang werden . . .

Was soll‘s . . .?, könnte man fragen: Fahren macht Spaß, erleichtert das Leben, die neuen Vehikel stinken und lärmen nicht und schaffen Umsätze und Arbeitsplätze. Weder in Deutschland noch bei uns werden Technikfolgewirkungen in die aktuellen Debatten einbezogen, systematische motorische Verarmung und körperliche Degeneration werden ausgeblendet. Nachhaltig ist die Art des verwendeten Stromes aber auch die langfristige Auswirkung auf unsere Biologie.

Wer einen Taschenrechner verwendet, verlernt tendenziell das Kopfrechnen, wer mit dem GPS auf dem Smartphone aufwächst, entwickelt in Normalfall weniger Orientierungssinn, Autokorrekturprogramme ersparen vordergründig das Erlernen der wichtigsten Rechtschreibregeln.

Motoren, Digitalisierung und Geschäftssinn bauen das menschliche Bewegungsspektrum und sogar den Sport radikal um. Auf vielen amerikanischen Golfplätzen darf man als Spieler nicht mehr gehen, man muss einen Elektrowagen mieten und von Schlag zu Schlag fahren. BSO und IOC müssen ernsthaft an die Aufnahme von E-Sportarten, die sitzend vor Bildschirmen stattfinden, denken.

Evolutionsbedingt und ursprünglich sinnvollerweise sind wir mit einem biologischen System ausgestattet, das alles, was Ziele mit geringerem Energieaufwand erreichen lässt, belohnt.

Konrad Lorenz nannte es „Funktionslust“, wenn wir es genießen, mühsam zu erlernende Tätigkeiten mit großer Freude und zum reinen Selbstzweck auszuüben. In den „acht Todsünden der Menschheit“ warnte er in diesem Zusammenhang vor der Verführungskraft technischer Spielzeuge.

Bewegung und Körperlichkeit sind, im Vergleich zu den erlernten Kulturtechniken Rechnen und Schreiben, biologisch fundamentale Kategorien des Menschseins. Gerade weil sie so selbstverständlich scheinen, sollten sie immer mitbedacht werden.

Die unreflektierte Freude an technischem Spielzeug kann uns langfristig und „nachhaltig“ in gesundheitliche und volkswirtschaftliche Sackgassen lenken, die da nicht nur Adipositas, Diabetes, Osteoporose oder Depression heißen.

„Bewegung und Körperlichkeit sind, im Vergleich zu den erlernten Kulturtechniken Rechnen und Schreiben, biologisch fundamentale Kategorien des Menschseins.“

Toni Innauer

sport@vn.at

Anton „Toni“ Innauer ist Skisprung-Olympiasieger, war Skisprungtrainer und ÖSV-Sportdirektor. Heute als Buchautor und Vortragender tätig.