Deshalb ist der “Tag X” für Eva Pinkelnig noch nicht in Sicht

Sport / 12.12.2020 • 16:00 Uhr
Der Kampfgeist ist zurück: Eva Pinkelnig blickt schon wieder optimistischer in die Zukunft. <span class="copyright">Privat</span>
Der Kampfgeist ist zurück: Eva Pinkelnig blickt schon wieder optimistischer in die Zukunft. Privat

Doch das „Gefühl des Fliegens“ will die 32-jährige Skispringerin, die sich im Kreise der Familie vom Sturz erholt, so schnell wie möglich wieder erleben.

Hard In heimischer Umgebung („Jeder Tag zu Hause wirkt besser als ein Tag im Krankenhaus“) erholt sich Eva Pinkelnig von den Nachwirkungen des Trainingssturzes in Seefeld und der Akut-Operation aufgrund eines Milzrisses. Am Bodenseeufer in Hard findet sie bei ersten kleineren Spaziergängen die nötige Ruhe, woraus sie Kraft und Spirit für die kommenden Aufgaben schöpft. Denn eines ist für die 32-jährige zweifache WM-Medaillengewinnerin von Seefeld 2019 gewiss: Eine Rückkehr auf die Schanze wird es geben. Auch wenn sie sich diesbezüglich kein Zeitfenster setzen will und wenngleich sie sich bewusst ist, dass der Weg zurück nach ihrem dritten schweren Sturz auch mit Schmerzen verbunden sein wird. Auch darüber sprach sie im VN-Interview.

Die wichtigste Frage vorab: Wie geht es Ihnen?

Jeden Tag ein bisschen besser. Ich darf jetzt wieder spazieren gehen und spüre, wie mit der Ruhe am See meine Lebensgeister zurückkehren. Bewegung ist für mich wichtig, nur ruhig zu sitzen fällt mir halt schwer. Aber ich weiß natürlich, dass die Milz Ruhe braucht und auch die geprellten Rippen.

Bei den noch vorhandenen Schmerzen, welche Erinnerungen gibt es an den Sturz?

Erinnerungen sind natürlich da, aber damit beschäftige ich mich nicht. Zumal ich sturztechnisch, so blöd es vielleicht klingen mag, alles richtig gemacht habe. Wie genau die Geschichte mit dem Milzriss passiert ist, weiß niemand, zumal es ja auch keine Videoaufnahmen davon gibt. Aber ich bin dankbar für die hervorragende Versorgung und dafür, dass ich wieder gesund werde – ohne jegliche Einbußen.

Wie schaut Ihr Tag derzeit aus?

Ich genieße die Zeit mit der Familie. Auch das Handy ist noch immer sehr viel ausgeschaltet. Einfach mal die Eva sein zu dürfen, das Essen zu Hause, das eigene Bett – all das tut mir im Moment sehr gut. Vielleicht hat es so sein sollen. Nach meinem Comeback ist alles so schnell gegangen, vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt. Jetzt darf ich eine Pause einlegen. Und auch wenn ich es persönlich nicht ganz verstehen sollte, bin ich mir sicher, dass Gott einen guten Plan für mich hat. Fakt ist jedenfalls: So endet meine Geschichte definitiv nicht. Auch wenn es den „Tag X“ für die Skispringerin Eva noch nicht gibt.

Das hört sich ganz nach der alten Kämpferin Eva Pinkelnig an?

Ich stelle mir jedenfalls schon wieder vor, wie ich am Balken sitze, den Wind spüre und wie ich mit einem Lächeln im Gesicht sehe, wie mein Trainer die Schanze frei gibt. Der Gedanke daran lässt warme Luft in mir aufsteigen. Zudem gibt es genug Experten um mich, die mir sagen, was für mich gut ist. Jetzt heißt es einfach Tag für Tag zu schauen, was geht und was nicht.

Bei Spaziergängen am Harder Binnenbecken kommt Eva Pinkelnig wieder zur Kraft. <span class="copyright">Privat</span>
Bei Spaziergängen am Harder Binnenbecken kommt Eva Pinkelnig wieder zur Kraft. Privat

Also keine Gedanken an einen Rücktritt?

Alles ist möglich, fix ist nichts. Dieser Spruch steht für mein Leben. Ich lasse mir keine Grenzen ziehen und ich freue mich darauf, was im Skisprungsport noch auf mich wartet. Ich weiß, dass man richtig coole Dinge nur dann erlebt, wenn man bereit ist, dafür Schmerzen zu durchleben.

Haben Sie sich ein Zeitfenster gesetzt?

Nein. Momentan kann ich mir einfach vieles vorstellen: Dass ich noch ein paar Trainingssprünge mache, dass ich wieder Weltcup springe. Ich bin schon selbst gespannt, wohin meine Riese geht. Eine Prognose will in meinem Fall niemand stellen. Vielmehr schmunzelt mein gesamtes Expertenteam, lag es in seiner Einschätzung in der Vergangenheit doch des Öfteren daneben. Wichtig ist, dass wir eine gemeinsame Blickrichtung verfolgen. Dass ich zudem auf mein inneres Ich noch genauer hinhöre, versteht sich von selbst. Wichtig ist jetzt, völlig gesund zu werden. Nur so kann ich mein Ziel, die Freiheit des Fliegens noch einmal zu erleben, konsequent verfolgen.

Das Jahr 2020 war für Sie in jeglicher Hinsicht ein bewegtes. Der erste Weltcupsieg am 12. Jänner in Sapporo, die Coronapandemie, die Ehrung als Vorarlbergs Sportlerin 2019 und nun die verletzungsbedingte Zwangspause. Wie fällt Ihre Einordnung dazu aus?

Als Quereinsteigerin bin ich ja nicht die klassische Spitzensportlerin. Deshalb darf ich mich auch fragen, ob der Spitzensport in so einer herausfordernden Zeit noch seine Berechtigung hat. Dinge wie jenes, dass etwa in Deutschland schon wieder Fußball in der Bundesliga gespielt wird, bevor es in Schulen ein echtes Hygienekonzept gibt, darf man hinterfragen. Andererseits ist die Vorbildwirkung des Spitzensports sehr wichtig.