Vaduz im Freudentaumel: “Was ist los mit uns?”

Sport / 26.08.2022 • 10:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Party in der Kabine und Manuel Sutter (2.v.l.) sowie Anes Omerovic (3.v.r.) mittendrin: Vaduz in Wien. <span class="copyright">VOLKSBLATT/Michael Zanghellini</span>
Party in der Kabine und Manuel Sutter (2.v.l.) sowie Anes Omerovic (3.v.r.) mittendrin: Vaduz in Wien. VOLKSBLATT/Michael Zanghellini

Der Verein aus Liechtenstein zieht erstmals in eine europäische Gruppenphase ein und kann es selbst nicht glauben: Zwischen isotonischen Getränken und Feierlaune.

Wien, Vaduz „Aso, jetzt wellanda plötzlich mit üs reda“, ruft ein nicht identifizierbarer Spieler des FC Vaduz in den Pressebereich des Allianz-Stadions in Wien-Hütteldorf. In jenem Stadion, in dem kurz zuvor das wichtigste Spiel in der Vereinsgeschichte der Liechtensteiner zu Ende ging: 1:0-Sieg beim SK Rapid, das bedeutete den Einzug in die Gruppenphase der UEFA Europa Conference League.

Unverständnis unter den Spielern

Und ja, natürlich wollen wir darüber mit den Spielern des Schweizer Zweitligisten sprechen. Mit Kristijan Dobras zum Beispiel. Der 29-Jährige lief selbst bereits für Rapid auf und wird nun erstmals in einer europäischen Gruppenphase spielen. Ob ihm das kurz nach dem Spiel bereits bewusst ist, bleibt aber unklar: „Was ist los mit uns? Ich glaub, noch versteht keiner, was es bedeutet, bei der Auslosung dabei zu sein.“

“Die erste Halbzeit war offen, da hatten wir sogar ein paar Chancen mehr. Dass du irgendwann einmal gegen Rapid unter Druck gerätst, ist, glaube ich, klar. Wir haben aber gut dagegengehalten.”

Kristijan Dobras (FC Vaduz), kurz nach Spielende

Das müsse sich zuerst setzen, indem man zum Beispiel über den Erfolg in den Medien liest, erklärt Dobras und packt eine Analyse der Partie aus: „Die erste Halbzeit war offen, da hatten wir sogar ein paar Chancen mehr. Dass du irgendwann einmal gegen Rapid unter Druck gerätst, ist, glaube ich, klar. Wir haben aber gut dagegengehalten.“ Und: „Fußball ist so lustig.“ Speziell wegen des Kontrasts von den großen Bühnen im Europacup zu den kleineren Bühnen in der zweiten Schweizer Liga. Die Liga bleibe dennoch „das täglich Brot“, denn „ich will nächstes Jahr in der Super League spielen“ und fügt an: „Obwohl ich keinen Vertrag hab.“

Vaduz im Freudentaumel: "Was ist los mit uns?"
Manuel Sutter (r.) fehlten nach dem Spiel die Worte. GEPA pictures/Philipp Brem

“Des isch noch a Isotonisches Getränk”

Einen Kontrast dazu bietet auch der Wolfurter Manuel Sutter, der gegen Rapid zur zweiten Halbzeit eingewechselt wurde und beim Pressegespräch kurz nach Spielende einen Trinkbecher in der Hand hält. Was drin ist, wollen wir wissen. Nichts Dramatisches, erklärt Sutter: „Des isch noch a Isotonisches Getränk“ und beteuert: „Das wird jetzt schnell einmal eingetauscht.“ Aber trotz der zusätzlichen Kräfte aus dem Getränk tut sich auch der 31-Jährige schwer, seine Gefühle auszuformulieren: „Mir fehlen die Worte. Wir haben immer von der Gruppenphase geredet, da haben alle aber immer nur gelacht.“

“Wir haben immer von der Gruppenphase geredet, da haben aber alle immer nur gelacht. Wir haben dran geglaubt. Wir habens über die Runden gebracht. Wir habens verdient.”

Manuel Sutter (FC Vaduz), kurz nach Spielende

Der Sieg sei jedenfalls verdient, stellt Sutter klar. Auch, weil man sich in der heurigen Saison besonders viel Mühe gegeben habe: „Wir haben einfach alles auf den Platz geworfen. Ich bin zwar mit Vaduz schon zwei Runden aufgestiegen, dieser Erfolg übertrifft aber alles.“ Alles übertroffen dürfte auch die Party nach dem Spiel haben: „Wir genießen jetzt mal den Abend. Freude pur. Lassen uns feiern. Nach dem isotonischen Getränk.“ Im Hintergrund ertönen in diesem Moment Jubelschreie, Sutter grinst vor sich hin: „Wir haben dran geglaubt. Wir habens über die Runden gebracht. Wir habens verdient.“

Vaduz im Freudentaumel: "Was ist los mit uns?"
Fürstliche Unterstützung gab es von Prinzessin Tatjana von und zu Liechtenstein und vier ihrer Kinder. VOLKSBLATT/Michael Zanghellini

Liechtenstein als Partyvolk?

Außerdem sei der Sport nicht nur lustig, sondern auch „schön“, erklärt Manuel Sutter. Bei Spielen wie diesem: „Es gibt immer wieder so Wunder.“ Dass nach dem  „Wunder“ im 38.000-Einwohner-Staat große Menschenmassen auf die Mannschaft warten, bezweifelt Kristijan Dobras nach dem Spiel aber: Auf „Ist Liechtenstein ein Land, in dem Fußball-Emotionen gelebt werden?“, antwortet dieser lässig „Pff, na“. Vielleicht kommen zum nächsten Heimspiel – am 4. September gegen Schaffhausen – aber ein paar mehr Zuschauer: „Das wär schon schön.“

Ähnlich sieht es der Trainer des FC Vaduz, Alessandro Mangiarratti, der von einem Vereinsleben „in Balance“ spricht: „In Vaduz gibt es keine großen Zelebrationen. Das ist aber kein Problem, die Leute im Stadion unterstützen uns.“ Diese etwa 1000 Menschen würden eine gewisse Ruhe ausstrahlen: „Man ist nicht schnell unter Druck. Wenn man Vaduz kennt, weiß man, dass das eine Familie ist.“ Dazu würden auch die Fans gehören. Und die dürfen sich jetzt auf Fußballreisen quer durch Europa freuen. Gemeinsam mit der Familie eben. Sicher ganz ohne Druck. 

Vaduz im Freudentaumel: "Was ist los mit uns?"
Knappe 200 mitgereiste Fans unterstützten den FC Vaduz bei Rapid. VOLKSBLATTMichael Zanghellini