Kristall mit Wermutstropfen – Scheib rettet eine verkorkste Saison

Sport / 20.03.2026 • 10:15 Uhr
Kristall mit Wermutstropfen – Scheib rettet eine verkorkste Saison

Marc Girardelli über die zu Ende gehende Weltcupsaison der ÖSV-Frauen.

Ohne Julia Scheib wäre die Saison der ÖSV-Damen kaum zu ertragen gewesen. Die Riesenslalom-Spezialistin stemmte sich mit starken Auftritten und Siegen gegen den sportlichen Abwärtstrend – und überstrahlte damit eine insgesamt enttäuschende Bilanz. Denn abseits ihrer Erfolge blieb die Ausbeute des Teams überschaubar. Die wenigen Podestplätze wirken im Rückblick eher wie Randnotizen als echte Lichtblicke.


Olympia war zwar durch die Goldene von Rädler und Huber überraschend positiv, doch der Medaillentraum von Scheib platzte unglücklich. Zu viele Faktoren spielten gegen die Tirolerin.
Das Rennen in Cortina d’Ampezzo entwickelte sich zu einer Herausforderung, die selbst Top-Athletinnen an ihre Grenzen brachte. Ein Kurs mit extremen Geländewechseln, Wellen und Kuppen – ungewohnt selektiv und technisch anspruchsvoll. Während viele Läuferinnen sichtbar kämpften, fand nur Federica Brignone die richtige Linie und blieb fehlerfrei.


Auffällig: Trotz der Möglichkeit, die Fahrten der frühen Startnummern live zu analysieren, reagierte kaum jemand taktisch auf die Schlüsselstellen. Besonders ein Tor im unteren Streckenteil wurde zum kollektiven Stolperstein. Wie im Gleichschritt fuhren zahlreiche Athletinnen die falsche Linie – und vergaben damit ihre Medaillenchancen. Ein Versäumnis, das Fragen aufwirft: fehlende Anpassungsfähigkeit? Oder unklare Signale von den Trainern an den neuralgischen Punkten?


Die Ursachen könnten tiefer liegen. Seit Jahren setzt das Training stark auf perfekt präparierte Pisten. Das führt auch dazu, dass die Athletinnen kaum noch eine Buckelpiste bewältigen können, geschweige denn einen Bruchharsch im Gelände. Fähigkeiten, die früher selbstverständlich waren, scheinen verloren zu gehen.
Selbst ein erfolgreiches Weltcup-Finale in Kvitfjell würde das Gesamtbild kaum korrigieren. Die Saison bleibt unter den Erwartungen – und verlangt nach einer ehrlichen, schonungslosen Analyse. Doch genau diese wurde in den vergangenen Jahren bereits mehrfach angekündigt, ohne nachhaltige Konsequenzen.


Vielleicht ist es an der Zeit, nicht nur die sportliche Leitung zu hinterfragen, sondern auch die Verbandsspitze. Wenn sich strukturell nichts ändert, droht auch die kommende Saison wieder von Einzelkämpferinnen getragen zu werden.