Ein Oldtimer auf Titeljagd

Die Bera genießt bei der 8-Meter-WM durch ihr Alter und ihre Geschichte einen besonderen Kultstatus.
Bregenz Sie gewann olympisches Gold, überstand Höhen und Tiefen und segelt noch immer um Siege. Die Bera ist das wohl eindrucksvollste Beispiel dafür, warum die Weltmeisterschaft der Segler in der 8-Meter-Klasse in Bregenz so außergewöhnlich ist.

Am Start zum Formel-1-Grand-Prix von Österreich am Sonntag steht neben dem aktuellen Weltmeisterauto von Lando Norris plötzlich auch der Lotus-Ford, mit dem Jochen Rindt 1970 Weltmeister wurde. Dahinter reiht sich der Alfa Romeo ein, der Giuseppe Farina 1950 zum ersten Formel-1-Weltmeister machte. Und dazwischen taucht auch noch Michael Schumachers Ferrari aus dem Jahr 2000 auf. Sie alle kämpfen nun auf dem Red Bull Ring um den Sieg.
Unvorstellbar? Im Motorsport jedenfalls. Bei der Segel-WM der 8-Meter-Klasse, die seit Sonntag vom YC Bregenz in der Bregenzer Bucht stattfindet, ist dieses Aufeinandertreffen der Generationen Realität.


Die Elfe II von Andi Lochbrunner, das älteste Boot des Starterfeldes, wurde bereits 1912 gebaut und hat damit 114 Jahre auf dem Kiel. Die Fleur de Lys von Titelfavorit Veit Hemmeter entstand dagegen erst nach der Jahrtausendwende. Dennoch treten beide Yachten, die unter der Flagge des Lindauer Segler-Clubs segeln, bei der WM direkt gegeneinander an.
Olympiasieg 1924
Ebenfalls zu den älteren Baujahren der 19 teilnehmenden Yachten zählt die Bera, die neben der Pandora eines von zwei Booten des YC Bregenz im Feld Weltmeisterschaft ist. Gebaut wurde sie 1922 von Johan Anker, einem der bedeutendsten Yachtkonstrukteure seiner Zeit. Zwei Jahre später kürte sich der Norweger Carl August Ringvold mit der Bera bei den Olympischen Spielen vor Le Havre zum Doppel-Olympiasieger in der damals olympischen 8-Meter-Klasse, nachdem er bereits 1920 in Antwerpen Gold geholt hatte.


„Die Bera hat eine bewegte Geschichte“, sagt Raphael Rüdisser, einer der vier Eigentümer des Bootes. „Nach dem Olympiasieg hat sie Höhen und Tiefen erlebt. Sie lag sogar einmal vor Dänemark auf Grund. Seit knapp 30 Jahren ist sie aber am Bodensee zu Hause und wurde liebevoll restauriert.“
Auf dem Bodensee werden solche „schwimmende Legende“ nicht restauriert, um in einer Halle zu stehen. Sie werden restauriert, um wieder Rennen zu gewinnen. Mehr als 100 Jahre nach ihrem Stapellauf kämpft die Bera noch immer gegen deutlich jüngere Konstruktionen um gute Platzierungen.

Noch immer konkurrenzfähig
Rüdisser steht bei der Heim-WM als Skipper an der Pinne. Die Bera gehört ihm gemeinsam mit Wolfgang Mähr, Peter Novak und Matthias Luger. Während Mähr als OK-Chef an Land gefordert ist, bilden Novak und Luger mit Julian Hollersbacher, Andreas Steiner, Sascha Raich, Hanno Sohm und Tobias Köb die siebenköpfigen Regattacrew.

Für Rüdisser zeichnet sich die Bera vor allem durch ihre Vielseitigkeit aus. „Wir können bei der “Rundum” unter die schnellsten 20 Boote segeln, an einer Weltmeisterschaft teilnehmen und wenige Wochen später mit dem gleichen Boot einen mehrtägigen Segeltörn machen.“
Um den Gesamtsieg kämpft die Crew der Bera allerdings nicht mit. Der Grund liegt im Reglement. Die Bera startet in der sogenannten Neptune-Division für klassische Yachten. Dort sind ausschließlich traditionelle weiße Segel erlaubt, der Mast muss aus Holz bestehen und moderne Winschen (Anm. mechanische Hilfswinde) sind tabu. Die moderneren Yachten der Sira- oder Modern-Divison dürfen dagegen auf zeitgemäße Technik zurückgreifen. „Wenn wir uns in der ersten Hälfte klassieren, ist das für uns wie ein Sieg“, sagt Rüdisser.

Gelebte Tradition
Und genau darin liegt der besondere Reiz der traditionellen 8-Meter-Klasse. Während historische Rennwagen heute nur noch bei Schauveranstaltungen zu sehen sind, schreiben Yachten wie die Bera auch mehr als 100 Jahre nach ihrer Konstruktion noch immer Sportgeschichte. Was in der Formel 1 unmöglich wäre, ist in der 8-Meter-Klasse seit mehr als 100 Jahren gelebte Tradition.
