Osterbrauch im Wandel – “Ratschenkinder vom Wald” organisieren sich digital

Wenn die Glocken verstummen, übernehmen in Egg die Kinder und lassen so den traditionellen Osterbrauch wieder aufleben.
Darum geht’s:
- Ratschenkinder nutzen Whatsapp-Gruppe zur Organisation
- Kirchturmsratschen ersetzt Glocken an Karwoche
- Tradition lebt fort im digitalen Zeitalter
Egg Es wird still in der Pfarre zum heiligen Nikolaus. Die Kirchturmglocken schweigen und trotzdem wissen alle, wann die Messe stattfindet. Denn in den Tagen vor Ostersonntag übernehmen die Kinder das Kommando und halten so mit ihren Ratschen eine jahrhundertealte Tradition lebendig. Organisiert wird heuer nicht mehr nur über Zuruf oder Listen im Pfarrheim, sondern zeitgemäß mit einer WhatsApp-Gruppe.
Ab dem Gründonnerstag schweigen die Glocken. Für Pfarrer Friedl Kaufmann ist das ein bewusstes Zeichen: “Es ist von der Ölbergwache bis zur Grablegung einfach Totenstille.” Die Tage rund um den Tod Jesu seien eine Unterbrechung des Alltags, vergleichbar mit einem Todesfall in der Familie. Gerade dieses Innehalten mache die Bedeutung der Karwoche spürbar. Dass die Glocken “nach Rom fliegen”, sei hingegen ein Brauch mit Augenzwinkern: “Das ist nur ein Schmäh.”
Sportlich in den Kirchturm hinauf
Damit die Menschen trotzdem wissen, wann Gebetszeiten und Gottesdienste stattfinden, kommen die Ratschen zum Einsatz. Sie ersetzen die Kirchenglocken – laut, rhythmisch und unüberhörbar. In Egg ist das mit einem besonderen Kraftakt verbunden: Statt klassischer Handratschen bedienen die Kinder eine große Vorrichtung im Kirchturm. “Das ist fast ein Ersatz fürs Fitnessstudio”, sagt Pfarrer Kaufmann. Immerhin führt der Weg rund 30 Meter hinauf – mitten hinein in den Turm, dorthin, wo sonst die Glocken hängen.

Gerade dieser besondere Ort mache den Reiz für viele Kinder aus. Auch wenn es anstrengend ist, gehört das Ratschen für viele selbstverständlich dazu. Finn Schneider kennt den Ablauf bereits: “Wir gehen rauf, ratschen ein paar Minuten und wechseln uns ab.” Sportlich sei das durchaus, ergänzt er lachend. Für Zita Fetz ist es heuer eine Premiere: “Ich war noch nie dabei, aber ich freue mich sehr.”
Die Einsätze sind klar geregelt: Am Karfreitag wird mehrmals tagsüber und am Abend geratscht, am Karsamstag in der Früh und nochmals spätabends vor der Osternacht. Besonders eindrücklich ist der nächtliche Einsatz – wenn die Kinder im Dunkeln den Turm wieder hinabsteigen.
Aktives Ministranten-Team
Organisiert wird das Ganze von den Ministranten selbst – unterstützt vom Pfarrgemeinderat. “Wir haben über 50 Ministranten, jedes Jahr kommen neue dazu”, sagt Günther Will vom Pfarrgemeinderat. Neben Gottesdiensten und gemeinsamen Aktivitäten spielt auch das Ratschen eine wichtige Rolle im Jahreskreis. Die Einteilung erfolgt über einen Ministrantenplan, doch für das Ratschen hat sich eine einfache Lösung bewährt: “Wir haben eine WhatsApp-Gruppe. Dort tragen sich die Kinder selbst ein, sodass immer drei oder vier pro Termin dabei sind.”
Dass das funktioniert, zeigt sich jedes Jahr aufs Neue. Für jeden Termin finden sich Freiwillige – die Tradition lebt weiter, auch im digitalen Zeitalter.
Ein Blick nach Schoppernau zeigt, dass der Brauch regional unterschiedlich gelebt wird. Dort wird die Ratsche im Vorhof aufgestellt, Gruppen wechseln sich im Halbstundentakt ab. “Dann kommt jede Stunde oder jede halbe Stunde eine neue Gruppe”, erzählt die Schülerin Emma Felder.