Ein Klavierabend von großer Dichte

Yulianna Avdeeva gestaltet ein forderndes Programm mit Klarheit, Spannung und pianistischem Glanz.
Nendeln Yulianna Avdeeva erwies sich im Hagenhaus Peter-Kaiser-Konzertsaal als jene Ausnahmepianistin, als die sie seit Jahren auf den großen Podien der Welt gefeiert wird. Doch an diesem Abend war es weniger die internationale Aura als die Konzentration, die Entschiedenheit und die geistige Geschlossenheit ihres Spiels, die diesen Klavierabend so eindrucksvoll machten. Dass sie das gesamte, überaus anspruchsvolle Programm auswendig spielte, verlieh der Aufführung zusätzliche Geschlossenheit und jenes Maß an Unmittelbarkeit, das große Interpretationen von bloß beachtlichen Darbietungen unterscheidet.

Schon Bachs „Chromatische Fantasie und Fuge“ in d-Moll entfaltete Avdeeva mit bemerkenswerter Klarheit und innerer Spannung. Nichts klang hier akademisch, nichts bloß wohlgeordnet. Vielmehr verband sie strukturelle Präzision mit einer lebendigen, atmenden Gestaltung, die dem Werk seine Kühnheit und seine bis heute spürbare Modernität ließ. Die Fantasie gewann erzählerischen Zug, die Fuge entwickelte sie mit sicherem Sinn für Linienführung, Verdichtung und dramatische Steigerung.
Virtuose Steigerungen
Im ersten Teil entstand mit den Liszt-Werken ein faszinierendes Panorama des Abgründigen, Visionären und Zerrissenen. Die „Bagatelle sans tonalité“ erhielt scharfe Konturen und eine beinahe unheimliche Spannung, der „Csárdás macabre“ eine herb flackernde Farbigkeit. Besonders eindrucksvoll gelang „Unstern. Sinistre. Disastro“, das Avdeeva mit finsterer Konsequenz, kluger Dosierung der klanglichen Mittel und großer innerer Spannung auslotete. Diese späten Werke erschienen bei ihr nicht als exzentrische Randstücke, sondern als radikale Musik von erstaunlicher Kühnheit. Umso stärker wirkte danach die zweite Liszt-Legende, in der sie Klangräume weit öffnete, die Bewegungen der Wellen plastisch formte und die virtuosen Steigerungen ganz aus dem musikalischen Verlauf heraus wachsen ließ.

Nach der Pause wurden Chopins 24 Préludes op. 28 zum Höhepunkt eines ohnehin hochklassigen Abends. Avdeeva spielte diesen Zyklus nicht als lose Folge kurzer Charakterstücke, sondern als große innere Reise durch wechselnde Zustände, Farben und Empfindungen. Sie verlieh jedem einzelnen Prélude ein präzises Profil und wahrte doch stets den großen Zusammenhang. Die raschen Stücke besaßen Glanz, Energie und Schärfe, die langsamen jene kantable Ruhe und Tiefe, die Chopins Miniaturen zu kleinen Welten machen. Besonders beeindruckend war, wie organisch Avdeeva Übergänge formte und Spannungsbögen über viele Nummern hinweg trug.
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So wurde dieser Abend zu weit mehr als einer Demonstration pianistischen Könnens, obwohl auch dieses in jeder Minute gegenwärtig war. Yulianna Avdeeva überzeugte durch technische Souveränität, gedankliche Durchdringung und eine Gestaltungskraft, die selbst Bekanntes neu und gegenwärtig erscheinen ließ. Dass sie dieses fordernde Programm vollständig auswendig bewältigte, steigerte die Leistung noch. Der Schlussapplaus fiel entsprechend aus: Das fachkundige Publikum dankte mit lang anhaltendem Beifall und Standing Ovations.