Kolumne: Morgenland – Teil sechs
Im Zug nach Hamburg erzählte mir eine Frau die folgende Geschichte:
Dann geschah das Unglück meiner Eltern. Sie wurden von einem Mann ohne Führerschein niedergefahren. Mein Vater starb, meine Mutter wurde schwer verletzt. Das Leben wurde sehr ernst. Ich kündigte, weil meine Mutter mich brauchte. Der Autofahrer war noch ein halbes Kind, er kam aus einer sehr reichen Familie, und meiner Mutter wurde ziemlich viel Geld zugesprochen, so dass wir auch ohne meine Arbeit gut leben konnten. Mehr Geld bezahlte die Familie des Mörders, als sie es hätte tun müssen. Immer am Todestag meines Vaters kamen der Vater und die Mutter des Mörders vorbei, klingelten und legten ein Geschenk auf die Schwelle. Ich sage Mörder. Alle unserer Freunde haben immer Mörder gesagt. Nun waren meine Mutter und ich allein. Ich fühlte mich eingesperrt. Sollte ich immer so leben müssen, bis meine Mama gestorben war? Aslan, der lebenslange Freund meines Vaters, kam oft vorbei. Dann weinte er mit uns. Sogar wenn er weinte, war er ein Mann, der gut aussah. Ein Mann.
Einmal sagte meine Mutter zu ihm: „Eigentlich gehörst du zu uns.“
Da sagte er: „Ja, eigentlich.“ Und ging. Und kam lange nicht mehr.
Amir und ich hörten viele Jahre nichts voneinander. Als wir uns dann wieder begegneten – es war in einer Kunstaustellung, ich weiß gar nicht mehr, wer der Künstler gewesen war … Ich sah ihn mit einer tollen Frau vor einem Bild stehen, mit dem Rücken zum Bild. Er fuchtelte mit den Armen, wie es so seine Art ist, da sah er mich auch. Wie zwei Steine. Wie zwei Denkmäler. Steine in Anzug und Kostüm. So waren wir. Kein Kostüm, nein. Ich trug einen Minirock und eine Bluse, die ich selber in der Nacht davor genäht hatte, ein paar blaue Fäden hingen noch aus meinem Ärmel, meine Haare waren kurz geschnitten. Wie alt waren wir? Das hat nun schon wieder eine Bedeutung. Auf den Tag genau, auf die Stunde genau, auf die Minute genau sechsundzwanzig Jahre alt waren wir. Es war an unserem Geburtstag. Ja, soll das denn keine Bedeutung haben?
Was in meinem Kopf vorging, war ein Gewitter, und ich wünschte mir, dass es bei Amir auch blitzte und donnere und Steine Wege teilten und Bäche über die Ufer gingen, dass er in seinem Kopf den Weg über alle Hindernisse zu mir finden würde. Bitte, lachen Sie mich nicht aus. Ich fixierte ihn mit meinen geschminkten Augen, und er war wieder bei seiner Begleitung. Sie redeten über Kunst, und ich dachte, soll er über Kunst reden und an mich denken, und wenn er seine Freundin nach Hause gebracht hat, soll er bitte mit ihr nicht nach oben gehen – wie es in den Filmen heißt – „Kommst du noch mit nach oben?“ Auch wenn sie Parterre wohnen, sagen sie das. Er meldete sich nicht am nächsten Tag, wie ich es mir erhofft hatte.
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.
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