“Meine Enkel bekommen Zeugnisgeld”: Zahltag für Kinder oder reines Druckmittel?

Sommerferien bedeuten für viele Kinder nicht nur Freizeit, sondern auch Zahltag. Warum ein Experte beim Thema Zeugnisgeld trotzdem zur Vorsicht rät.
LAUTERACH Wenn in Vorarlberg die Sommerferien beginnen, freuen sich viele Schülerinnen und Schüler nicht nur über das Zeugnis, sondern auch über einen kleinen Geldsegen. Das sogenannte Zeugnisgeld hat in vielen Familien Tradition, auch wenn längst nicht alle Eltern und Großeltern selbst damit aufgewachsen sind.
Für Carmen Schneider (70) aus Höchst war ein finanzieller Bonus zum Schulschluss früher unvorstellbar. “Das hat es nicht gegeben. Wir hatten viel zu wenig, das war unerschwinglich”, erinnert sie sich. Umso selbstverständlicher ist es für sie heute, ihren beiden Enkeln in der Schweiz ein Zeugnisgeld zu schenken. “Immer wenn das Zeugnis gekommen ist, bekommen sie von mir Zeugnisgeld.” Eine Tradition also, die sie selbst nie erlebt hat, aber bewusst weiterführt.

Auch Karl-Heinz Stocker (70), ursprünglich aus Kärnten und heute in Bregenz zu Hause, kennt das Zeugnisgeld aus seiner eigenen Kindheit nicht. “Wir haben früher keines gekriegt”, erzählt er. Seine Enkel dürfen sich hingegen jedes Jahr darüber freuen. Je nach Alter gibt es zwischen 20 und 40 Euro. Für ihn ist das Geld vor allem eines: “Ein Ansporn fürs nächste Jahr, gute Noten zu bekommen.”

Bei der 21-jährigen Grazia Rhomberg aus Fußach gehörte das Zeugnisgeld bereits selbstverständlich dazu. In der Mittelschule gab es für Einser und Zweier – je nach Verwandtschaft – eine kleine Belohnung. Heute wird diese Tradition in ihrer Familie mit der jüngeren Schwester und den Cousins fortgeführt.
Auch Florian Rettenbacher (31) aus Lauterach erinnert sich daran, dass gute Noten belohnt wurden. Dieses Prinzip übernimmt er nun für seine neunjährige Tochter. Mit einem Augenzwinkern ergänzt er: “Wenn sie keine guten Noten hat, dann muss sie mir Geld geben.”

Wertschätzung statt Notendruck
Für Dominik Meusburger von der Schulsozialarbeit des Instituts für Sozialdienste (ifs) ist weniger entscheidend, ob Kinder eine Belohnung erhalten, sondern wofür. “Es ist eine gute Idee, am Ende des Schuljahres Wertschätzung zu zeigen. Kinder haben ein ganzes Schuljahr durchgehalten und viel geleistet”, sagt er.

Problematisch werde es jedoch, wenn Anerkennung ausschließlich an Noten geknüpft werde. Kinder hätten unterschiedliche Voraussetzungen. Manche müssten sich für eine Drei enorm anstrengen, während anderen gute Noten beinahe zufliegen. “Warum soll ein Kind, das sehr viel Zeit investiert, weniger Wertschätzung bekommen als eines, dem alles leichtfällt?”, regt Meusburger an.
Geld motiviert nur kurzfristig
Auch aus pädagogischer Sicht sei Geld nur ein kurzfristiger Motivator. Langfristig seien gemeinsame Erlebnisse oft wertvoller. Ein Ausflug ins Schwimmbad, ein Kinobesuch, ein Buch oder einfach gemeinsame Zeit könnten Kindern ebenso zeigen, dass ihre Anstrengung gesehen werde. Zudem beobachtet der Schulsozialarbeiter eine große Bandbreite beim Leistungsdruck. Manche Kinder setzten sich selbst enorm unter Druck oder erfüllten hohe Erwartungen ihrer Eltern und verlören dabei die Motivation am Lernen.