Kommentar: Wer darf vorne stehen?

VN-Kommentar von Helga Boss.
Wer auf Podien, in Vorstände oder Expertenrunden schaut, sieht meist Männer. Am fehlenden Zutrauen kann es kaum liegen: 2018 hielten in den USA 70 Prozent der Befragten Frauen und Männer für gleich kompetent, 1946 war es erst ein Viertel. Das zeigt eine Auswertung von Forschenden der Northwestern University und der Universität Bern im Fachjournal „American Psychologist“.
Die Einstellung hat sich also gewandelt, das Verhalten hinkt hinterher. Männern traut man Kompetenz zu, Frauen müssen sie belegen, und zwar immer wieder. Die US-Juristin Joan C. Williams nennt das „prove it again“. Seine Fehler sind morgen vergessen, ihre bleiben haften. Er wird nach Potenzial bewertet, sie nach Nachweis.
So entsteht ein geschlossener Kreis, elegant in seiner Ungerechtigkeit. Der Mann bekommt das wichtige Projekt, weil man ihm etwas zutraut. Die Frau bekommt es nicht, weil ihr die Erfahrung fehlt, die sie nur durch das Projekt sammeln könnte. Eine Frau hat mir das mit feiner Ironie erklärt: Für Vorträge über Künstliche Intelligenz würden Frauen schlicht nicht gebucht, die Kompetenzvermutung sei eben männlich. Keine Anekdote, sondern ein Muster.
Das ist nicht nur unfair, es ist ökonomisch unklug. Wer Bühnen, Vorstände und Expertenrunden nach Vermutung besetzt statt nach Kompetenz, verkleinert die Auswahl künstlich. Ulrike Wieduwilt, Managing Partnerin der Personalberatung Russell Reynolds, hat es in der „Wirtschaftswoche“ auf den Punkt gebracht: Wer ausdrücklich eine Frau sucht, die schon Vorstand war, dem schrumpft die Auswahl von hundert auf fünf. Wer stattdessen die gesuchten Kompetenzen vorgibt, also Führung, Strategie und Ergebnisorientierung, findet mehr als genug Geeignete. Die Knappheit ist hausgemacht.
So müsste es laufen: Anforderungen werden vorab festgelegt und dann an allen gleich gemessen. Potenzial ist kein männliches Privileg mehr. Und auf der Bühne steht eine Frau so selbstverständlich wie ein Mann, weil nach Können gebucht wurde und nicht nach Geschlecht.
Die gute Nachricht steckt schon in der Zahl vom Anfang: Stereotype sind nicht in Stein gemeißelt. Sie folgen den Rollen, die Frauen und Männer in der Gesellschaft einnehmen, nicht der Biologie. Damit sind sie eine Frage der Entscheidung.
Beginnen wir bei der nächsten Besetzung. Die Frage lautet nicht: Wer war schon einmal vorne? Sondern: Wer kann es? Die Antwort fällt überraschend oft weiblich aus – man muss die Frage nur stellen.
Helga Boss ist selbstständige Unternehmensberaterin, Dozentin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Mutter von zwei Kindern.