„Tiroler Goldmord“: Als Norbert Schwendinger gegen Kollegen ermitteln musste

VN / 17.08.2019 • 06:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Norbert Schwendinger musste im Jahr 2012 gegen einen Polizeikollegen wegen Mordes ermitteln. PAULITSCH/ APA

VN-Serie Teil 6: Der Leiter der Mordkommission erzählt.

Bregenz, Innsbruck Der mysteriöse und bizarre Fall machte als „Goldmord in Tirol“ geraume Zeit Schlagzeilen, auch in Vorarlberg, weil Morddezernatsleiter Norbert Schwendinger und der Leiter des Landeskriminalamts in Bregenz am 20. März 2012 unmittelbar als Ermittler mit einem zehnköpfigen Team, genannt die „Soko Gold“, in den Fall mit eingebunden wurden. Der Grund: mögliche Befangenheit der Kollegen in Tirol. Denn der dringende Mordverdacht richtete sich gegen einen dortigen Gruppeninspektor, gegen einen eigenen Kollegen also. Doch wie in den meisten Kriminalfällen herrschte hier vorerst Unklarheit.

Frauenleiche in Pkw

Wenige Tage zuvor war in einem abgelegenen Waldstück unweit des kleinen Dorfes Erlach ein abgestelltes Auto entdeckt worden. Die Fenster des Pkw waren durch Rauch verrußt und verdunkelt.  Im Fahrzeug fand sich die Leiche einer Frau. Bei der Toten handelte es sich um die Filialleiterin einer Tiroler Bank. Ihre Tochter hatte sie als vermisst gemeldet, weil ihre Mutter am Morgen nicht zu Hause war. Die Spurensicherer des Tiroler Landeskriminalamts stellten im Fahrzeug verbrannte Teile und eine Signalfackel sicher. Die Obduktion des Leichnams ergab, dass die Frau mit Chloroform betäubt worden war. Der Verdacht auf Fremdverschulden erhärtete sich. Dem noch unbekannten Täter war ein Fehler unterlaufen: Er wollte den Wagen mit Benzin in Brand setzen, doch sorgte er nicht für die nötige Sauerstoffzufuhr.

Erhebungen und Befragungen der Kriminalisten folgten, und dann der Eklat: Die Tochter des Opfers gab an, dass ihre Mutter eine gemeinsame Skifahrt mit einem Polizisten geplant hatte. Schon länger wurde über ein Verhältnis zwischen den beiden gemunkelt. Schwendinger: „Bei der Bank, in der die Frau angestellt war, konnte zudem erhoben werden, dass die Filialleiterin kurz zuvor acht Kilogramm Gold bestellt hatte, bestimmt für eine Bekannte des Gruppeninspektors. Die Übergabe sollte aber außerhalb des Geldinstitutes stattfinden.“

Die Goldbarren hatten einen Wert von rund 335.000 Euro. „Die Filialleiterin ging bezüglich der Bestellung und des Übergabeorts übrigens völlig korrekt vor und hatte sich bei ihrem Chef abgesichert“, sagt der Vorarlberger Mordkommissionschef. Knackpunkt: Nach der Übergabe der Goldbarren wurde kein Geld in die Kasse der Bank gelegt. Der Gruppeninspektor geriet ins direkte Visier der Ermittlungen.

Flucht während des Verhörs

Er wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft festgenommen und im Landeskriminalamt Tirol verhört. Bei der Einvernahme flüchtete der Verdächtige. Ein Beamter verfolgte ihn, es kam zu einem Handgemenge. Dem Tatverdächtigen gelang es, seinem Verfolger die Dienstwaffe zu entreißen. Er presste sie an die Brust des Beamten und drückte ab. Doch bei der Glock-Pistole löste sich durch den direkten Druck auf die Brust ein Sicherheitsmechanismus aus, die Kugel wurde nicht abgefeuert. „Das rettete dem Beamten das Leben“, so Schwendinger.  

Eine Reihe von belastenden Indizien gegen den Gruppeninspektor führte zu seiner Einlieferung in die Untersuchungshaft und Anklagen wegen Mordes und Mordversuchs. „Wir Vorarlberger hatten in der Mordsache zu ermitteln, Kollegen aus Kärnten wegen Mordversuchs“, erinnert sich Schwendinger.

Der angeklagte Polizist war nie geständig. Schwendinger: „Es folgte ein mehrtägiger Indizienprozess mit einem Schuldspruch. Der Angeklagte wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und nahm sich Wochen später in der Zelle das Leben. Die Goldbarren wurden nie gefunden. Bis heute nicht. Der Verurteilte hat das Rätsel über das Versteck des Goldes mit ins Grab genommen.“