Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

So eine Viecherei

VN / 23.06.2021 • 08:00 Uhr

Von der Hitze ermattet, hat sich das Hirn weitgehend in Mus verwandelt. Die Buchstaben purzeln vereinzelt aufs Papier. Satzzeichen fallen nach dem Zufallsprinzip. Aber nur die einfachen, für einen Strichpunkt wäre es viel zu heiß. Der alte Kater hat schon aufgegeben. Er streckt im Schatten der Hecke alle Viere von sich und ärgert sich über die Amsel, die im Geäst des Kirschbaums unbeirrt trällert.

Aber dann erwacht sein Langzeitgedächtnis. Er hebt den Kopf. Da war doch mal was! Mühsam kommt er auf die Beine. Und tatsächlich: Er trabt los und findet in einen veritablen Passgang. Der Sänger in der Baumkrone verstummt und neigt irritiert das Köpfchen. Der wird doch nicht…? Katzen können in affenartiger Geschwindigkeit und wenigen Sätzen mühelos einen Baumstamm hochjagen. Aber wie gesagt: Es ist brütend heiß. Und der Kater sieht auch nicht mehr gut. Er ist hochbetagt. Zu spät erkennt er, dass sich das alles nicht mehr ausgeht und bleibt nach einem angedeuteten Sprung im Gras liegen. Völlig ermattet. Wir sind uns für einen Augenblick ganz nahe.

Wenn es tatsächlich stimmt, dass manche Zeitgenossen sich während der Pandemie einen vierbeinigen Lebensabschnittspartner zugelegt haben und ihn jetzt im Tierheim entsorgen, weil man wieder in die alten Routinen zurückkehrt oder einfach nur verreisen möchte, dann haben wir noch einen langen Weg vor uns.

Thomas Matt

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