Macht und Sex: Mord und Totschag

Die größten Verbrechen Vorarlbergs: Wie beim Zuhälterkrieg im Rheintal vor 30 Jahren mehr als ein Dutzend Menschen ums Leben kamen
Lustenau, Bregenz. Es ist eines der blutigsten Kapitel der Vorarlberger Kriminalgeschichte: Der Zuhälterkrieg, der von 1976 bis 1992 im Rheintal tobte. Mitte der 70er-Jahre blätterten Freier aus der Schweiz und Deutschland für Liebesdienste von “Gewerblichen” in Vorarlberg 100 Schweizer Franken hin.
An die 300 Prostituierte empfingen im ganzen Ländle in Hotels und auf der Straße zahlende Kunden, das Geschäft blühte. Aus dem Dreiländereck wurde ein “goldenes Dreieck”. Das blieb nicht unverhallt. Zuhälter aus Salzburg und der Steiermark zogen nach Westen. Brutale Revierkämpfe mit alteingesessenen Milieugrößen waren programmiert. Und tatsächlich sollte ein noch nie dagewesenes Morden folgen. Tatort: nicht nur die “Goldmeile” des Straßenstrichs zwischen Bregenz und Höchst bis nach Lustenau.
Leichenwagen fuhr vor
Der Umgang mit Sex-Arbeiterinnen, die es wagten sich ohne Ablöse einem neuen Beschützer zuzuwenden, war nicht zimperlich. Im April 1976 wurde das anschwellende Laster im Ländle endgültig zur gnadenlos kriminellen Last. Zum ersten Mal fuhr nach einer Gewalttat im Milieu der Leichenwagen vor. Eine Prostituierte hatte versucht, rivalisierende Zuhälter gegeneinander auszuspielen. Die Frau wurde in ihrer Unterkunft mit dem Kabel ihres Bügeleisens gewürgt und erdrosselt.
Großes Kaliber im Einsatz
In den folgenden Jahren waren die bei spektakulären Überfallen und Attentaten im Rotlichtmilieu verwendeten illegalen Waffen und Tatwerkzeuge dann von richtig großem Kaliber, mindestens 9 Millimeter. Mit weniger durchschlagskräftigen Pistolen oder Revolvern – im Milieujargon abschätzig als “Floh” bezeichnet – hatten die schweren Jungs nichts am Hut.
Im Dunstkreis der Szene tauchten nach und nach immer mehr dunkle Gestalten aus Innerösterreich auf, die ins Rotlichtmilieu nachdrängten, sich mit heimischen Zwischengrößen verbündeten oder den Platzhirschen das Leben schwer machten. In den Spitzenzeiten waren mehr als 200 Sex-Arbeiterinnen für gut zwei Dutzend Zuhälter auf der Straße. Die damalige Gendarmerie machte massiv Front, konnte die Auswüchse im Sexgewerbe allerdings immer nur kurz eindämmen.
Der 14. August 1978 in Lustenau
Das andauernde Hauen und Stechen um Macht und Moneten im Milieu gipfelte in der Nacht zum 14. August 1978 in Lustenau in eine auf offener Straße ausgetragene blutige Abrechnung unter rivalisierenden Zuhältern. Einen Tag vor Mariä Himmelfahrt sollte der Szeneaufsteiger Josef S. nach dem Willen seiner Widersacher sein Leben verwirkt haben.
“Ein Schuss genügt!”
Ausgerechnet in der Rotkreuzstraße kam für den 24-jährigen ehemaligen Fremdenlegionär jede Hilfe zu spät. Die Ironie des Geschehens will es, dass die eigenen von ihm im Milieu verwendeten Drohworte “Ein Schuss genügt!” ihm selber zum Verhängnis wurden. Ein Schuss reichte aus, um ihn für immer auszuschalten. Der eigens aus Graz angeheuerte Harald M. war es, der aus einem überholenden Auto heraus einen Schuss in den US-Luxuswagen von Josef S. abfeuerte und das Opfer in den Hals traf. Mit dem Toten am Steuer krachte das Auto in voller Fahrt schließlich gegen eine Hauswand, wobei es sich dabei um das Domizil eines befreundeten Milieukollegen des Ermordeten handelte. Die Kripo konnte alsbald den Todesschützen sowie die Tatbeteiligten und Auftraggeber – insgesamt sechs Zuhälter – dingfest machen und hinter Gitter bringen.
Showdown
Fünf Jahre später kam es zum gewaltsamsten Höhepunkt blindwütiger Feuergefechte im Zuhältermilieu. Die grausige Bluttat am 19. Mai 1983 im Gasthaus “Helvetia” in Lustenau störte die damalige Pfingstruhe in ganz Vorarlberg empfindlich.
Als während der hitzigen Ablöseverhandlung um eine Frau Josef S. seinen Rivalen Peter B. mit dem Unwort verspottete, zückte dessen Bruder Johann seinen Revolver und eröffnete das Feuer auf S. Dieser schoss, selbst in die Brust getroffen, aus seiner Waffe gleichzeitig auf seine beiden Gegner. Der Ausgang im blutigen Showdown: Die Brüder tot, S. kommt knapp mit dem Leben davon. Ihm wurde später Notwehr zuerkannt.
Mit Manfred P., der im Morgengrauen des 12. August 1992 in einer Absteige in Bregenz-Vorkloster seinen früheren Intimus Ernst M. durch sieben Schüsse tötet, schließt sich nach 16 Jahren der Kreis schießwütiger Zuhälter alten Zuschnitts, die bei Fehden kurzen Prozess mit ihren Gegenspielern machten. Der 31-jährige Manfred P. fasste damals für die von ihm verübte Bluttat 20 Jahre Gefängnis aus.
Soko “Sitte”
Die Gendarmerie räumte in den folgenden Jahren nicht zuletzt durch die Anstrengungen einer äußerst effektiven Soko “Sitte” im Rotlichtmilieu kräftig auf. Der Strich schrumpfte dadurch quasi zum Punkt.
Und heute? Die käufliche Liebe hat sich längst auf den gut abgeschirmten Hausservice verlegt. Die Polizei knipst immer wieder in aufgedeckten Geheimbordellen das Rotlicht aus und zieht die Betreiber aus dem Verkehr. Und auf der Schweizer Seite des Rheins läuft das sündige Geschäft in geregelten Bahnen. Beispiel ist das grenznahe Au: Hier gibt es 4000 Einwohner, zwei Tankstellen und fünf Bordelle.

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