„Ma hot jo d’ Rettung!“: Rotes Kreuz kämpft mit steigenden Krankentransporten

Das Rote Kreuz muss für Patiententransporte oft weite Wege zurücklegen.
Egg Die einen reden, die anderen fahren. Während hinter den Kulissen vehement um eine Lösung für die in finanzieller Schieflage befindlichen Krankentransporte gerungen wird, geht die Arbeit in den Rotkreuz-Abteilungen unvermindert weiter. Patienten müssen zu Therapien ins Spital, zum Hausarzt oder in andere Gesundheitseinrichtungen gebracht werden.

Die Dienstpläne sind meist bis an den Anschlag voll. Allein die RK-Mitarbeitenden in Egg absolvieren täglich rund 30 solcher Einsätze. Die Strecken sind oft lang und entsprechend zeitraubend. „Von Schröcken nach Bregenz oder von Alberschwende nach Bludenz und wieder zurück“, nennt Markus Schlichte (37), Dienststellenleiter der Abteilung Bregenzerwald in Egg, zwei Beispiele. Die große Herausforderung besteht darin, alle Termine so zu koordinieren, dass jeder Patient zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Hermann (83), der regelmäßig in die onkologische Tagesklinik nach Bludenz muss, war es an einem gewittrigen Tag.

Bequemlichkeit nimmt zu
Rund drei Millionen Kilometer legten die Fahrzeuge des Roten Kreuzes im vergangenen Jahr zurück. Die meisten davon gingen mit über 76.000 Patientinnen und Patienten auf das Konto von Krankentransporten. In Egg sind täglich vier Krankentransportwagen (KTW) im Einsatz. Ihre Kilometerbilanz für 2022 fiel mit 370.000 ebenfalls nicht schmal aus. Markus Schlichte, seit 2007 beim Roten Kreuz und seit 2018 Leiter der Abteilung in Egg, arbeitet mit 20 hauptberuflichen Kolleginnen und Kollegen sowie 25 Zivildienern zusammen. Allen zollt er höchstes Lob. Er selbst hat bei der Rettungsorganisation seine Berufung gefunden: „Büro, Management, Rettungsdienst: Da fühle ich mich zu Hause.“

Die Diskussion um die Finanzierung der Krankentransporte geht aber auch an ihm nicht spurlos vorüber, lässt ihn zuweilen kopfschüttelnd zurück. „Niemand denkt mehr über alternative Transportmöglichkeiten nach“, spricht Schlichte von einer zunehmenden Bequemlichkeit bei den Leuten: „Ma hot jo d’ Rettung!“ Denn jeder mit Transportschein muss befördert werden, ob notwendig oder nicht. „Da passieren schon viele skurrile Dinge“, merkt Markus Schlichte kryptisch an. Andererseits sind viele Patienten auf den Transport durch das Rote Kreuz angewiesen. Denen will man ein verlässlicher Partner sein, so wie Hermann. Der alte Herr wartet schon vor der Tür des Sozialzentrums Alberschwende. Für den Transport eingeteilt sind die Zivildiener Jesaja Höfle (20) und Kevin Moosmann (18). Beide haben die Ausbildung als Rettungssanitäter bereits abgeschlossen. Bevor es in Richtung Oberland geht, melden sie die Fahrt per Computer noch an die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle (RFL) in Feldkirch. Das verlangt die Vorschrift.

Ein Kaffee geht sich aus
Hermann ist ein ruhiger Fahrgast. „Es gibt auch sehr Gesprächige“, sagt Markus Schlichte und lächelt. Doch kein Wort verlässt das Innere des Rettungswagens. Was dort geredet wird, bleibt dort. Überpünktlich erreicht das Rotkreuz-Fahrzeug aus Egg das LKH Bludenz. In den Gängen ist es ruhig. Einige Patienten in der Ambulanz. Ansonsten Mittagspause. Im zweiten Stock wird Hermann bereits erwartet. Schlichte, der diesmal auch mitgefahren ist, klärt ab, wie lange die Behandlung etwa dauert. „Je nachdem können wir auf den Patienten warten“, gibt er zu verstehen, während er die Nummer der RFL wählt und Rückmeldung macht. „Sollen wir irgendwo einen Patienten abholen oder warten?“, fragt Markus. „Ihr könnt warten“, wird ihm beschieden. Da geht sich wenigstens noch ein Kaffee aus. Prallen zu viele Termine aufeinander, kann es sein, dass Patienten unterwegs an andere Wagen übergeben werden. „Wir versuchen in jedem Fall, immer den besten Weg für den Patienten zu finden“, betont Markus Schlichte.

Eine „schwierige Baustelle“
Daran sind auch ÖGK und Rotes Kreuz interessiert. Noch hat das Rote Kreuz den Vertrag mit der ÖGK nicht gekündigt, doch die Auflösung und damit das Ende der Direktverrechnung hängt wie ein Damoklesschwert über den Verhandlungen. „Es ist eine schwierige Baustelle“, räumt ÖGK-Landesstellenvorsitzender Manfred Brunner ein. Das grundsätzliche Verständnis für die Forderung des Roten Kreuzes nach einem nötigen, vor allem jedoch kräftigen Geldschub sei da. Gleichzeitig braucht es laut Brunner aber Maßnahmen zur Senkung der Transportzahlen. „Es muss gelingen, die Frequenz auf das Wesentliche zu reduzieren.“ Der Begriff „gehunfähig“ werde zu oft zu großzügig ausgelegt. Eine bessere finanzielle Ausstattung und eine Reduktion der Krankentransporte müsse Hand in Hand gehen. Beide Seiten hoffen auf eine Einigung bis längstens Jahresende.


