Als Lustenau zu swingen begann

50 Jahre Jazz in Lustenau. Die Geschichte von Stars, denkwürdigen Konzerten und einer eigenen Kultur.
Lustenau Helmut “Hummel” Gassners Blick verklärt sich, als er ins Erzählen kommt. “Ich hörte als Bub John Coltrane im Radio. Es war mein Schlüsselerlebnis für die Liebe zum Jazz. Für meine Kollegen und mich wurden die Jazz-Größen von damals zu unantastbaren Helden, zu deren Musik ich mich aktiv nicht hin wagte.” Dazu verhalf den damaligen Youngsters schließlich Jupp Zeltinger, der mittlerweile verstorbene Jazz-Guru aus Lindau. Er lockte die hochmusikalischen Hummels (Schlagzeug), Andi Schreibers (Violine), Georg Sutrs (Gitarre) und vor allem Günther “Jeff” Wohlgenannts (Bass) aus der Reserve. “‘Traut’s euch’, sage er uns”. Jeff Wohlgenannt war zu jener Zeit bereits Schüler bei Zeltinger, auf dem Weg zum Vorarlberger Aushängeschild in Sachen Jazz-Kontrabaß.

Take Five, take Lustenau
Und dann der 21. März 1975. Der erste Auftritt von “Jeff’s Unit” im altehrwürdigen Linde-Saal. Das erste Jazz-Konzert der Lustenauer Formation. Ungewohnte Klänge vor einem Rock-konditioniertem Publikum. Dave Brubecks “Take Five” und andere Standards. Der Anfang von etwas, das nicht nur Vorarlbergs Musikszene veränderte, sondern eine neue Kultur schuf, die weit über Musik hinausging und Generationen in einem neuen, weltoffenen und liberalen Geist verbinden sollte.

1975 markierte nicht nur die ersten künstlerischen Schritte von “Jeff’s Unit” als Band, das sich Modern Jazz in seine Notenblätter schrieb. Es war auch der Beginn der großen Jazzkonzerte in Lustenau.
Hannibal machte den Anfang
Der erste große Star, der in der “Linde” auftrat, war Trompeter Hannibal Marvin Peterson. Danach gaben sich die Weltstars des Genres in der Linde, in der Krone und später auch im Reichshofsaal, reihenweise die Klinke in die Hand. Chet Baker, Woody Shaw, Dexter Gordon, Betty Carter, Elvin Jones, Ron Carter und viele, viele mehr verschlug es auf ihrem Weg durch die großen Konzertsäle Europas auch immer wieder in “the small place called Lustenau”.

Jazz war der Nischenkultur schon längst entwachsen. Jazz war in den 80ern Hype, massentauglich, gesellschaftsfähig. Besonders der alte, fast baufällige Linden-Saal mit seiner einzigartigen Akustik platzte aus allen Nähten, wenn die Meister mit ihrem Sound Magie versprühten und das Publikum verzückten.

Dieser Faszination erlag auch ein gewisser Walter Weber aus Widnau, der sich nach einem Konzertbesuch beim 1983 gegründeten Jazzclub als Helfer anbot. “Ich war einfach nur begeistert, wie das dort ablief, was für eine großartige Atmosphäre dort herrschte.” Seit 1984 ist Weber Geschäftsführer des Vereins.
Veredelung der Jazzkultur
1987 folgte die Eröffnung des Jazzclub-Lokals – die Veredelung der Jazzkultur in Lustenau. Fast gleichzeitig ging der legendäre Linden-Saal den Konzertveranstaltern als Standort verloren. Geswingt wird seitdem in eher familiärer Atmosphäre, der Jazz als Massenbewegung mit gesellschaftlicher Prägung ist Geschichte. “Wir haben heute ein Stammpublikum, das sich wieder vergrößert hat und auch junge Fans beinhaltet”, zeigt sich “Hummel” Gassner als Mann der ersten Jazzstunde in Lustenau zufrieden. “Unsere letzten Konzerte waren alle gerammelt voll. Es empfiehlt sich stets, rechtzeitig zu erscheinen”, ergänzt Walter Weber.

Spektakuläre Events haben die Verantwortlichen des Jazzclubs zum 50. Geburtstag des Jazz in Lustenau nicht vorgesehen. “Wir werden einmal etwas am Kulturhof Heidensand machen und ansonsten ein attraktives Programm im Klub anbieten”, kündigt Gassner an.

“Keep swinging”, das Motto der Jazzer in Lustenau, ist schließlich auch in seiner Schlichtheit ewig anziehend.