Niederschriften der letzten Tage ohne Menschheit

Autor Martin Prinz fungiert als literarischer Chronist der letzten Kriegstage.
Schwarzach Wir schreiben den April 1945. Das Ende des 2. Weltkriegs ist zum Greifen nahe, doch in einer Talöffnung in den Ostalpen hat sich ein System eingeschlichen, welches an Willkürlichkeit kaum zu übertreffen ist: Kreisleiter Johann Braun errichtet höchstpersönlich sein Standgericht, einen Ort also, wo er ohne viel zu hinterfragen und beweisen sich an Menschen rächen kann, die unter dem NS-Regime nicht systemkonform waren, oder, die nicht einmal wissen, warum sie nun hingerichtet werden. Von kafkaesken Zuständen zu sprechen, wäre hier maßlos untertrieben. Ein schiefer Blick, ein falsches Lachen, eine gute Tat, die einem Nicht-Arier zugutekam. Ob es nun die Erschießung eines Fast-Noch-Kindes ist oder eine Hinrichtung einer Mutter, auf die ihr Kind zu Hause wartet.
Ein Tatsachenroman der bewusst abschreckt
Ort der Gräueltaten ist das Höllental, das sich über die Gemeinden Reichenau, Prein und Schwarzau erstreckt. Die Täter wurden nach Kriegsende vors Volksgericht gestellt, zum Tode verurteilt, so wurden die Stoffe dokumentiert. Wirklich aufgearbeitet und zur Basis des Romans hatte es der pensionierte Jurist und ehemalige Mitarbeiter der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen, Alois Kermer. Doch von einer Publikation sah der Auftraggeber, die Gemeinde Reichenau schlussendlich ab. Es musste Martin Prinz kommen, um diesen Stoff in einer Art Tatsachenroman niederzuschreiben. Der Autor schreibt in der Art eines Dokumentarfilmers, der seinen Finger auf der Aufnahmetaste lässt.
Willkürlichkeit in protokollierter Willkürlichkeit
Das Beklemmende an Martin Prinz Roman „Die letzten Tage“ ist, dass immer wieder ungeheuerlicher Gräuel aus der Nazizeit bekannt wird. Es ist beiläufig, auf welcher Seite man das Buch aufschlägt, sofort wird man mit der negativen Energie konfrontiert, die damals am Werken war. Und immer wieder fragt man sich, wie hatte diese Niedertracht so kurz vor Kriegsschluss passieren können, gerade in einem Moment, wo sich im Nebel der absoluten Verlorenheit doch so etwas wie ein schmaler Lichtstreifen am Horizont auftat, nämlich das nahe Ende des WK2. Wie konnte noch einmal das Unheil der letzten Jahre in aller Grausamkeit aufblitzen? In aller protokollierten Detailliertheit wird gezeigt, wie Willkürlichkeit in einer unkoordinierten, archaischen Diktatur wüten kann und nach Gutdünken Menschen kaltblütig ermorden kann.
Die Stärke dieses Textes liegt darin, aus einem diffusen Licht an Grausamkeit ein glasklares Bild entstehen zu lassen. „Die letzten Tage“ bedrücken, weil sie von tatsächlich Passiertem heimgesucht und auch vorangetrieben werden. Immer wieder stellt man sich die Frage, wie konnte so etwas passieren, wie durfte so etwas passen, bis das eigene Denken in Erschöpfung mündet, in der grausamen Gewissheit, dass eben nie etwas ausgeschlossen ist, wieder zu passieren.
Hinweis: Am 12.11.2025. 19.30 Uhr findet im Theater Kosmos in Bregenz die Lesung „Die letzten Tage“ von Martin Prinz statt. Moderation: Jürgen Thaler
Martin G. Wanko