
Ein Tag auf dem Müllwagen: Zwischen unerwarteten Funden und harter Realität
Christoph, Andreas und Harry arbeiten für die Müllabfuhr in Bludenz. Sie erzählen, was sie täglich erleben – und was alles im Restmüll landet.
Bludenz Christoph Lesky und Harry Bertsch werfen resigniert die Restmüllsäcke in den Müllwagen. Sie wollen gar nicht wissen, was sich in den schwarzen, blickdichten Säcken der Stadt Bludenz befindet. Christoph hört es klimpern und scheppern – er vermutet Glas im Restmüllsack. Ein anderer Sack ist so schwer, dass es nur Bauschutt sein kann. „Einmal habe ich in eine Spritze gegriffen“, erzählt Christoph unerschrocken, der sich danach ärztlich untersuchen lassen musste. „So etwas gehört sich nicht.“


Christoph (39) ist erst seit einem Jahr dabei. Man verdiene dank der Zulagen gut, sagt er. „Ich mache es nur wegen des Geldes.“ Ein Büromensch ist er ohnehin nicht. Er packt gerne an. „Und an den Gestank gewöhnt man sich“, ergänzt er. Gerade beim Biomüll begegnet man gerne einmal Mäusen, Ratten – und Maden. Auch das müsse man aushalten.


Keine Mülltrennung
Die Mülltrennung wird nicht in jedem Stadtteil gleich ernst genommen. Gerade in der Innenstadt und in sozial schwachen Siedlungen landet alles Mögliche im Restmüllsack. Dort nehmen es die Bewohner auch nicht so genau mit den Abfuhrzeiten, sodass der Biomüll tageweise draußen vor sich hingammelt. Um das Erscheinungsbild zu wahren, nimmt die Müllabfuhr auch solche Säcke mit, die an diesem Tag gar nicht abgeholt werden würden. Montags und dienstags ist der Biomüll dran, mittwochs und donnerstags der Restmüll. Gelber Sack und Altpapier werden von einem externen Unternehmen abgeholt.

Viele verwenden keine städtischen Müllsäcke – dabei darf die Müllabfuhr eigentlich nur solche mitnehmen. Doch das Dilemma liegt auf der Hand: Lässt die Müllabfuhr fremde Säcke liegen, bleiben sie so lange liegen, bis sich ein Anrainer beschwert und die Bauhofmitarbeiter extra für diesen einen Sack nochmals ausrücken müssen. „Dann hätten wir die doppelte Arbeit“, sagt Müllwagenfahrer Andreas Rabadi, der es deshalb vorzieht, die Säcke gleich mitzunehmen.



Die städtische Müllabfuhr ist beim Bauhof angesiedelt; die Besatzung rotiert – zumindest jene des Fahrers. Denn den Job von Harry und Christoph macht kaum jemand gerne. Immerhin sitzt der Fahrer im Warmen und Trockenen, während die Mülllader hinten auf dem Trittbrett den Wetterkapriolen und dem Gestank ausgesetzt sind. Christoph erinnert sich an einen Restmüllsack mit scharfem Putzmittel, dessen Dämpfe ihnen die Luft zum Atmen raubten.


Doch auch Andreas’ Aufgabe ist nicht zu unterschätzen. Schließlich trägt er die Verantwortung für seine Männer und muss das große Fahrzeug durch teils enge Gassen manövrieren. „Vor Kindern habe ich am meisten Angst, aber da schauen Harry und Christoph auch danach, dass sie nicht vor das Auto springen“, sagt Andreas, der durch die verwinkelte Innenstadt fährt. Bei Dunkelheit komme es häufiger zu kritischen Situationen, obwohl das Müllauto sowieso nur maximal 30 km/h fahren kann.


In der Sturnengasse steht ein großer Haufen Sperrmüll. Hier packt selbst Andreas mit an, um die sperrigen Möbel in den Müllwagen zu hieven. Christoph schnappt sich den dort abgestellten Staubsauger und wirft ihn ebenfalls in die Müllpresse. „Es nimmt ja sonst keiner mit“, rechtfertigt sich Christoph. Zehn bis zwölf Tonnen Restmüll landen an einem Tag in der Müllpresse des Lkws.



Andreas kurvt durch Außerbraz. Er weiß, in welche Straße er vorwärts, rückwärts oder gar nicht hineinfahren darf und wo er wenden muss. Als Fahrer müsse man stets hochkonzentriert sein, auf Schilder, Hauskanten, Mauern und Sträucher achten. Die zahlreichen Seitenspiegel helfen ihm dabei, Engstellen zu passieren, aber auch, um seine Männer im Blick zu behalten.


Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Draußen ist es kalt, doch immerhin regnet oder schneit es an diesem Dezembertag nicht. Beim Bauhof in Außerbraz wärmen sich Harry und Christoph kurz auf. Während Andreas auch den Schneepflug fährt, im Sommer Rasen mäht oder an den Fahrzeugen herumschraubt, sind Harry und Christoph jeden Tag als Mülllader im Einsatz. Es ist ein harter, unbeliebter und doch so wichtiger Job. „Empfindlich darfst du nicht sein“, sagt Harry (61), der nach achteinhalb Jahren bei der Müllabfuhr bald in Pension geht. Einen Nachfolger zu finden, ist schwierig.






