Vorarlberger beeinflussen indirekt den Konflikt in der DR Kongo

VN / HEUTE • 17:30 Uhr
Vorarlberger beeinflussen indirekt den Konflikt in der DR Kongo
Doris Burtscher stammt aus Nüziders und war als Medizinanthropologin für Ärzte ohne Grenzen bereits auf vielen Auslandseinsätzen. Ärzte ohne Grenzen

Alle, die Handys und Elektroautos haben, sollten laut Doris Burtscher mehr über die Situation in der Demokratischen Republik Kongo wissen.

Darum geht’s:

  • Doris Burtscher berichtet über massive sexualisierte Gewalt in der DR Kongo.
  • Wertvolle Rohstoffe beheizen den Konflikt.
  • Vorarlberger beeinflussen indirekt die dortige humanitäre Situation.

Von Katja Grundner

Schwarzach „Mir wurden Dinge erzählt, die so schlimm sind, dass ich darüber noch kein Wort verloren habe“, sagt Doris Burtscher, Medizinanthropologin bei Ärzte ohne Grenzen. Die gebürtige Vorarlbergerin war schon auf mehreren Einsätzen in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo), wobei sich ihre aktuelle Studie auf sexualisierte Gewalt konzentriert.

Ein zentraler Aspekt des dortigen Konflikts sind die wertvollen Rohstoffe des Landes. Zum Beispiel hat die DR Kongo die weltweit größten Coltanvorkommen – ein Erz, das in Smartphones, Computern und in vielen elektronischen Systemen moderner Automobile steckt. Somit haben auch Vorarlberger beim Kauf dieser Geräte oft indirekten Einfluss auf die dortige katastrophale humanitäre Situation.

Vorarlberger beeinflussen indirekt den Konflikt in der DR Kongo
Doris Burtscher erlebte 2017 Minenarbeiter beim Verlesen des Rohstoffs Coltan und berichtete von sehr schlechten Arbeitsbedingungen. Doris Burtscher

Flucht und Gewalt

Als Medizinanthropologin zeigt Burtscher die Sichtweisen und Bedürfnisse der Bevölkerung auf, damit sich die Maßnahmen von Ärzte ohne Grenzen stärker an den Lebenssituationen vor Ort orientieren können. Die in Wien Lebende war bereits auf Einsätzen in Afghanistan und im Irak. „Aber die vergangenen zwei Kongoeinsätze in der Kivu-Region waren ihre belastendsten.“

Vorarlberger beeinflussen indirekt den Konflikt in der DR Kongo
Gemeinsam mit einer lokalen Übersetzerin (links) führt Doris Burtscher (Mitte) Interviews mit Frauen in der Demokratischen Republik Kongo. Ärzte ohne Grenzen

In der rohstoffreichen Region im Osten der DR Kongo wird seit mehr als 30 Jahren gekämpft. Die Konflikte sind komplex und von wechselnden Parteien bestimmt. Als Burtscher im Jahr 2024 vor Ort war, befanden sich hunderttausende Vertriebene in Binnenflüchtlingslagern rund um Goma, die Provinzhauptstadt Nord-Kivus. „Es gab eine schlechte Versorgung, viel Korruption und eine unvorstellbar große Anzahl Vergewaltigungen.“ Als die Rebellenmiliz M23 im Jänner 2025 Städte wie Goma eroberte und Kontrolle über wichtige Minen übernahm, mussten die Menschen wieder fliehen und die Situation verschärfte sich weiter. „Eine Frau besaß nicht einmal mehr Kleidung, sie trug ein Kleidungsstück von der Nachbarin“, berichtet Burtscher, die im Herbst vergangenen Jahres noch einmal dort war.

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Gemessen an einem Zeitraum von sechs Monaten suchten im Jahr 2025 im Ostkongo täglich durchschnittlich 155 Überlebende sexualisierter Gewalt Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen auf. „Viele Betroffene sagen, noch belastender als diese Gewalt sei die Ungewissheit, wie sie ihre Kinder ernähren sollen.“ Anfang Dezember wurde in dem Konflikt im Beisein von US-Präsident Donald Trump ein Friedensabkommen unterzeichnet, doch bereits kurze Zeit später kam es erneut zu schweren Kämpfen.

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Stigmatisierung

Derzeit wertet Burtscher die Aufzeichnungen ihres jüngsten Aufenthalts im Ostkongo aus. Eine ihrer Erkenntnisse: Während Ärzte ohne Grenzen normalerweise darauf abzielt, die Versorgungsangebote möglichst nahe an die Menschen heranzubringen, suchen hier einige Frauen nach sexualisierter Gewalt das Krankenhaus oder Gesundheitszentrum nicht auf, weil es zu nahe an ihrem Wohnort liegt. „Im Ostkongo werden Opfer von sexualisierter Gewalt stark stigmatisiert und gewisse Frauen haben Angst, dass sie im Zuge der Behandlung jemanden treffen, den sie kennen.“

Vorarlberger beeinflussen indirekt den Konflikt in der DR Kongo
Opfer sexualisierter Gewalt sind im Ostkongo häufig gesellschaftlicher Stigmatisierung ausgesetzt. Ärzte ohne Grenzen

Blutige Elektrogeräte

„Einheimische sagen, dass es keinen Frieden geben wird, solange es das Ressourcenthema gibt. Ohne Ressourcen hätte niemand Interesse an der Gegend“, erzählt Burtscher. Die Einheimischen seien enttäuscht von der internationalen Gemeinschaft. „Wir alle, die Handys und Elektroautos haben, sollten mehr über die Situation in der DR Kongo wissen.“ Zudem sei ein bewusster Konsum, etwa bei Elektrogeräten, wichtig – beispielsweise durch Reparieren statt Austauschen, den Kauf von Secondhand- oder fair produzierten Produkten. „Es gibt nicht nur blutige Diamanten.“

Vorarlberger beeinflussen indirekt den Konflikt in der DR Kongo
Die DR Kongo ist aufgrund ihrer Rohstoffe eigentlich eines der reichsten Länder Afrikas, aber die Ressourcen kommen den Einheimischen nicht zugute – im Gegenteil. Ärzte ohne Grenzen

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(VN)