Im Nigeria-Knast: “Wir waren zusammengepfercht wie Paviane”

VN / 13.01.2026 • 16:15 Uhr
Im Nigeria-Knast: "Wir waren zusammengepfercht wie Paviane"
VNDer pensionierte Sticker Karl Hagspiel kann sich vorstellen, wie es dem eingesperrten Lustenauer im nigerianischen Gefängnis geht.

Karl Hagspiel (82) saß über ein Jahr in mehreren nigerianischen Gefängnissen. Dort ging er durch die Hölle.

Schwarzach Wie es dem jetzt in Nigeria eingesperrten Lustenauer Textilwarenhändler geht, kann niemand so gut nachvollziehen wie Karl Hagspiel. Der pensionierte 82-jährige Sticker saß von 1977 bis 1978 selbst über ein Jahr in vier nigerianischen Strafanstalten. Seine Geschichte lässt einen erschaudern.

Es ist der 5. Juli 1977. Ein Tag nach Karl Hagspiels 34. Geburtstag. Der Lustenauer befindet sich in Lagos, in der Stickereifabrik mit den Tag und Nacht laufenden 25 Maschinen, die er mit Partnern betreibt. Es ist die Blütezeit der Stickerei in Lustenau. Es beunruhigt Hagspiel nicht, als ihn Polizeibeamte aufsuchen. Da gebe es etwas zu klären, sagen sie ihm. Kein Problem, denkt Hagspiel. Doch er täuscht sich. Weder Bestechungsgeld noch seine Bekanntschaft mit dem nigerianischen Staatschef nützen etwas. Wegen Unklarheiten bei einem Geldwechselgeschäft wird er in Haft genommen. “Am nächsten Tag komm’ ich da wieder raus”, denkt sich Hagspiel. Er täuscht sich.

Folter Schlafentzug

Vier Wochen steckt er im Criminal Investigation Department von Lagos. “Ich war in einer winzigen Zelle mit mehreren anderen Insassen. Ein Behälter für die Notdurft für alle, ungenießbares Essen. Wir waren zusammengepfercht wie Paviane. Nicht einmal ein Bett hatte jeder Einzelne für sich.” Bühne frei für einen Alptraum, der Karl Hagspiel nie mehr loslassen wird. “Sie verhörten mich jede Nacht. Sinnlose Fragen. Immer dieselben. Sie ließen mir keinen Schlaf. Es war grauenhaft.” Hagspiel weiß nicht mehr, wie ihm geschieht. Und auch nicht warum. Innerhalb von vier Wochen nimmt Hagspiel 20 Kilo ab.

Denn endlich. Der Lustenauer kommt in das General Hospital von Lagos, mithilfe von Bestechungsgeld wenig später in eine von deutschen Ärzten geführte Spezialklinik. Er kann seine in Lagos wohnende schwangere Frau in die Arme nehmen.

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philipp steurerKarl “Charlie” Hagspiel erzählt den VN-Redakteuren die Geschichte über seine Zeit in nigerianischen Haftanstalten. Diese geht unter die Haut.

20.000 Schilling für ein Bier

Doch das Drama ist noch lange nicht zu Ende. “Eines Nachts vergaß ich, einem meiner Bewacher sein ‚Honorar‘ zu geben. Plötzlich fährt ein Jeep heran. Sie packen mich und fahren mit mir in den Urwald in einen anderen Knast.” Es ist ein Ort des Grauens. “Wöchentlich zwei Mal werden Nummern ausgerufen. Dann sehe ich, wie sie Gefangene wegschaffen. Kurz darauf ein Schuss. Sie haben diese Leute einfach hingerichtet.” Interventionen bei Bundeskanzler Kreisky, ja sogar beim damaligen UN-Sekretär Kurt Waldheim, bleiben erfolglos. “Eher erschießen wir ihn, als dass wir ihn freilassen”, muss Karl Hagspiel in Erfahrung bringen. Der Lustenauer wird schwer krank: Malaria und eine Muskelerkrankung.

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Stiplovsek Dietmar pauschalStickereien und Stickmaschinen brachten viele Lustenauer Unternehmer mit Nigeria in Verbindung. Nicht alle Erfahrungen waren dabei positiv.

Wer ihm in diesen zehn Monaten, so gut es geht, zur Seite steht, ist der österreichische Handelsdelegierte Heinz Hundertpfund.

Ein ehemaliger Mithäftling organisiert ihm aus seinem Haus in Lagos ein kühles Bier. “Für ungefähr 20.000 Schilling, mit allen Umständen, die damit verbunden waren. Aber es war das beste Bier meines Lebens.”

Flucht in Uniform

Nach zehn Monaten und durch die Zahlung einer Kaution von einer Million Schilling kommt Karl Hagspiel endlich aus dem Gefängnis. In Lagos sieht er seine zwischenzeitlich geborene Tochter zum ersten Mal. “Das Wiedersehen mit meiner Familie gehört zu den emotionalsten Momenten meines Lebens.” Sicher ist er dort jedoch nicht. Mithilfe eines deutschen Bauunternehmers gelingt ihm die Flucht. Getarnt als Crew-Mitglied in Uniform verhilft ihm dieser ins Cockpit eines spanischen Flugzeugs. Erst als dieses in die Luft abhebt, weiß Karl Hagspiel: “Jetzt bin ich endlich wirklich gerettet.” Seine Familie fliegt noch am selben Tag mit Swiss Air nach Zürich. Der Alptraum war für den heute 82-Jährigen endlich vorbei.

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hagspielDer Albtraum ist zu Ende: Ein abgemagerter Karl Hagspiel (m.) kann zuhause in Lustenau mit Freunden wieder ein Bier genießen. Dieses kostet nicht 20.000 Schilling.