
In Gortipohl lebt mit Jürgen Tschofen ein altes Handwerk weiter: Er ist einer der letzten Weißküfer – und fertigt Holzprodukte für Kunden in aller Welt.
St. Gallenkirch Es duftet nach Holz, wenn man die Werkstatt von Jürgen Tschofen betritt. Holzspäne haften an seiner Kleidung, Staub liegt in der Luft. Tschofen bewahrt ein vergessenes Handwerk – eines, das nur noch er und ein Bregenzerwälder beherrschen. Seit 20 Jahren ist er Weißküfer in Gortipohl. Gelernt hat er das Handwerk von seinem Meister Otto Ganahl. Heute hat er Kunden auf der ganzen Welt – von New York bis in den Oman.

Gerade die Zirbe sei eine „Modeerscheinung“, mit der er bereits seit 20 Jahren arbeitet – damals habe man ihn dafür belächelt. Er baut sogar Badewannen aus Zirbe, die 100 Jahre halten. Das Wasser bleibt darin eine Stunde lang warm, da das Holz isolierend wirkt. Die Badewannen seien – gerade weil sie ein Nischenprodukt sind – sehr gefragt. Der Geruch von Zirbe sei sehr gesund.

„Jedes Holz hat einen eigenen Duft“, weiß Tschofen. Und dieser entfalte sich erst in seinen ganzen Nuancen, wenn das Holz bearbeitet werde. Dabei sei jedes Holz anders zu verarbeiten – die Zirbe sei weicher, die Fichte härter. Tschofen arbeitet ausschließlich mit heimischem Holz. Die Lärche stammt aus Bartholomäberg, die Zirbe aus Tirol. Vor allem in der Silvretta komme viel Zirbe vor. Doch er verwendet auch Esche und Fichte.



In Vergessenheit geraten
„Die Handwerkskunst ist verloren gegangen“, bedauert Tschofen. Der Kunststoff habe in den 1960er-Jahren das Holz im Alltag verdrängt. „Ich mache viele Sachen, die in Vergessenheit geraten sind“, sagt er – so wie das Sauerkrautfass, auch bekannt als Böckelfass. Unter Weißküferei versteht man alle Holzgerätschaften, die für die hauswirtschaftliche und alpwirtschaftliche Nutzung benötigt werden. In der Küche hat Holz vor allem antibakterielle Eigenschaften. Ein Schneidebrett aus Holz reinigt sich quasi von selbst, während sich Bakterien in Kunststoffbrettern in den Ritzen festsetzen.



Die Ausbildung zum Weißküfer kann laut Tschofen nur noch in der Schweiz absolviert werden. In Österreich entspricht die Ausbildung zum Fassbinder am ehesten der des Weißküfers. Der Gegenpart des Weißküfers, der mit hellem Holz arbeitet, ist der Schwarzküfer. Dieser stellt hauptsächlich Weinfässer her – aus Eiche, also dunklem Holz. Außerdem biegt der Schwarzküfer die Dauben über dem Feuer, um das Holz zu biegen, während der Weißküfer mit geraden Dauben und sogenannten Holzschlössern und Holznägeln arbeitet. Er steckt das Holz ineinander und muss es daher nicht verleimen.



Jedes Stück ein Unikat
Als Weißküfer ist Tschofen vieles: Tischler, Drechsler, Schnitzer. Zudem muss er mit Stahl arbeiten, den er etwa für die Badewannen braucht. Das Handwerk ist vielseitig. Kürzlich hat der 42-Jährige eine Eingangstür für ein Restaurant in Lech geschnitzt. „Ein Tischler kann solche Verzierungen nicht“, meint er. 60 Prozent seiner Kunden sind gewerblich, 40 Prozent privat. Über 400 Artikel umfasst sein Standardrepertoire. Beliebt sind unter anderem die Brentas – Holzschalen, in denen man Käsespätzle serviert. Doch auch Dekoartikel, Butterdosen, Flachmänner, Babyrasseln und Lampenschirme stehen in seiner Werkstatt. Jedes Stück ist ein Unikat. Darüber hinaus fertigt er zahlreiche Auftragsarbeiten, bei denen er seiner Kreativität freien Lauf lassen kann.



Er hofft, dass vielleicht sein Sohn die Weißküferei eines Tages übernimmt. Doch mit 42 Jahren hat Tschofen selbst noch viele Jahre vor sich, in denen er sich in seiner Werkstatt ausleben kann. „Mir wird nie langweilig“, sagt er. „Und ich muss niemanden fragen, ob das so passt.“ Er ist sein eigener Chef, arbeitet nicht nach einem fertigen Plan. „Ich mache alles aus dem Kopf“, sagt er. „Nur die Badewanne zeichne ich auf.“ Er schätzt es, dass er sich seine Arbeit selbst einteilen kann – ohne Zeitdruck. „Ich habe so viel Abwechslung“, schwärmt der Montafoner, der als Weißküfer seine Berufung gefunden hat.








