Musikalische Heldentaten

VN / 27.01.2026 • 14:52 Uhr
Musikalische Heldentaten
Das Kammerorchester Basel zählt zu den renommiertesten Klangkörpern Europas und war schon öfter in Dornbirn zu Gast.Längle Ulrike

Das Kammerorchester Basel überzeugte in Dornbirn mit einem fulminanten Programm.

Dornbirn Das Kammerorchester Basel zählt zu den renommiertesten Klangkörpern Europas und war schon öfter in Dornbirn zu Gast. Der Dirigent Giovanni Antonini ist einer der Großen der Alte-Musik-Szene. Das Programmmotto “Heldentaten” versprach eine interessante Auseinandersetzung – man konnte sich also am Montag auf einen außergewöhnlichen Abend freuen und wurde nicht enttäuscht.

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Auf dem Programm standen Werke von Komponisten, die um 1800 entstanden sind, also in einer politisch sehr bewegten Zeit, als Napoleons Armeen ganz Europa umpflügten. Das Konzert begann mit Luigi Cherubinis Ouvertüre zu seiner Oper “Médée” (1797): Schon der Beginn in c-Moll mit zerrissenen Phrasen und viel Pauke brachte die Atmosphäre von Rache und aufgepeitschten Gefühlen zum Klingen, die dieses antike Drama kennzeichnet. Antonini dirigierte mit leidenschaftlichen, großen Gesten, das Orchester folgte ihm mit ebenso leidenschaftlichem Einsatz und überzeugte von Anfang an mit Präzision und großer Kohärenz. Besonders schön waren die Farben der Holzbläser und der Naturhörner; die Celli ließen im langsameren Dur-Teil gefühlvolle Nuancen hören. Dann folgte die wunderbar sanft gespielte lyrische Einleitung zur Arie des Kreon “Dieux et déesses tutélaires” aus der gleichen Oper, gefolgt von einem modernen Text der Autorin Helga Novak über Medea, der sich beim einmaligen Anhören nur schwer erschloss. Das war der erste Auftritt des Sprechers Dominique Horwitz, einer Größe des musikalisch-literarischen Genres.

Musikalische Heldentaten
Der Dirigent Giovanni Antonini ist einer der Großen der Alte-Musik-Szene.

Eine faszinierende Entdeckung war dann die Symphonie in g-Moll des französischen Revolutionskomponisten Étienne-Nicolas Méhul, aus dem gleichen Jahr 1808 wie Beethovens Fünfte: Der Beginn ähnlich wuchtig, mit sich leidenschaftlich aufbäumenden Melodien wie bei Cherubini, gefolgt von schaurigen Effekten und wild bewegten Passagen. Die Basler spielten extrem engagiert, alle Orchestermitglieder kommunizierten miteinander, sodass die sehr kleinteilig angelegte Komposition perfekt wiedergegeben wurde. Der langsame Satz klang zuerst wie ein etwas angekränkelter Haydn, Variationen einer einfachen Melodie, mal heroisch auftrumpfend, mal ein feines Stimmengewebe. Völlig ungewöhnlich dann das Menuett mit Pizzicato in den Streichern, dann wieder abrupten Phrasen, suchenden Gesten, wie ein pointillistisches Gemälde. Rhythmisch bockig dann das Finale, gleich einer zerrissenen Fahne, die im Wind flattert. Méhuls Wendungen sind oft völlig unerwartet, man meint, der Musik die seelische Zerrüttung durch Jahre des Terrors anzuhören, die der Komponist während der Französischen Revolution durchgemacht hat, obwohl er ein Anhänger war.

Nach der Pause gelang dann eine atemberaubend intensive Aufführung von Beethovens Schauspielmusik zu Goethes Trauerspiel “Egmont”. Schon die energiegeladene Ouvertüre riss einen fast vom Stuhl; nach dem nervösen Méhul wirkte Beethovens Tongemälde wie mit breitem Pinselstrich aufgetragen. Hier war Horwitz in seinem Element: Er artikulierte den Text von Grillparzer sehr forciert, mit dramatischer Leidenschaft, nur die falsche Aussprache von Brabant (auf der ersten Silbe betont) irritierte etwas. Zweimal konnte die Sopranistin Anett Fritsch als Egmonts Geliebte Clärchen ihren schlanken Sopran leuchten lassen: im feurigen “Die Trommel gerühret” und im liebesverzückten “Freudvoll und leidvoll”. Besonders eindrucksvoll geriet das Melodram nach Clärchens Tod. Das Publikum, das fast nie hustete, dankte mit begeistertem Applaus. Ulrike Längle