Cold Case: So viele Morde blieben in Vorarlberg bisher tatsächlich ungeklärt

Ehemaliger Chefermittler und Buchautor Norbert Schwendinger über eine brutale Hinrichtung in Hohenems – nur als eines von mehreren Beispielen.
Schwarzach Am 22. September 1984 erschüttert eine Explosion den Campingplatz Lamm in Bregenz. Der Zuhälter Kurt Schönherr und seine fünfjährige Stieftochter werden in einem Wohnwagen in die Luft gesprengt und buchstäblich zerfetzt. Von Motiv und Täter keine Spur. Bis heute nicht.

Am 18. August 1978 wird die Prostituierte Gertrude Eisenbauer lebend in den VKW-Kanal in Bregenz geworfen und ertrinkt. Zuvor wurde sie sexuell missbraucht. Niemand scheint oder weiß seither etwas über den oder die Täter zu wissen.

Am 27. Dezember 1991 wird der Innerösterreicher Peter Weisl auf dem Autobahnparkplatz in Hohenems in seinem Auto erschossen. Die Identität des Schützen bleibt bis heute ein Rätsel.

Am 11. April 1977 wird in Schlins die Kellnerin Ingeborg Dietrich erschossen und danach auf die Gleise der ÖBB gelegt, wo sie vom Zug überrollt wird. Die Frage nach dem Warum und von Wem bleibt bis heute unbeantwortet.
Rund zehn ungelöste Fälle
„Insgesamt rund zehn Mordfälle in Vorarlberg blieben bis heute ungeklärt“, sagt Norbert Schwendinger, seines Zeichens bekannter Buchautor der erfolgreichen True-Crime-Reihe „Tatort Vorarlberg“ (bei Edition V bisher drei Titel erschienen), über die wahren Cold Case-Fälle in Vorarlberg.
Ein Cold Case ist ein Mord oder versuchter Mord, der seit mindestens drei Jahren ungelöst ist und Potenzial hat, durch neue Ermittlungsergebnisse oder fortgeschrittene Untersuchungsmethoden gelöst zu werden. Schwendinger war elf Jahre Leiter der Mordkommission des Vorarlberger Landeskriminalamtes. Unter seiner Ägide konnten sämtliche Fälle von Mord oder versuchtem Mord, von denen es in dieser Zeit rund 90 gab, aufgeklärt werden.
Fehlende Technik
Die meisten der bisher ungeklärten Tötungsdelikte in Vorarlberg fanden von Mitte der Siebziger bis Anfang der Neunziger Jahre statt. „Dass sie nicht geklärt wurden, liegt nicht an einer mangelnden Aufklärungsarbeit der Ermittler. Sondern einfach nur daran, weil damals noch nicht die heutige kriminalistische Technik vorhanden war. So wie etwa die DNA-Analyse“, betont der ehemalige Morddezernatsleiter und fügt hinzu: „Im Vergleich zu anderen Ländern war die Aufklärungsquote in diesem Bereich in Vorarlberg dennoch bereits außergewöhnlich hoch.“
Und dann gäbe es schlicht und einfach Fälle, die den Fahndern das Leben schwer machen würden, weil zwar alles da ist, doch die gesammelten Beweise schlichtweg nicht für eine Anklage ausreichen würden.

Ein solcher Fall war etwa die Ermordung des Türken Mehmet A., der am 12. Juli 1999 in Hohenems durch das Beifahrerfenster seines Fahrzeuges erschossen wurde. Schwendinger, damals Chefinspektor beim Landeskriminalamt, kann sich an dieses Tötungsdelikt besonders gut erinnern.
Seinen Mörder gekannt
Ein Spaziergänger hatte an der alten Lustenauer Straße bei Hohenems einen grausigen Fund gemacht. Er entdeckte in einem weißen VW Polo auf dem Fahrersitz einen von acht Schüssen durchsiebten Mann. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Wie die Polizei feststellte, handelte es sich bei dem Toten um den in Feldkirch wohnhaften Türken Mehmet A. Ein Raubmord konnte rasch ausgeschlossen werden, denn der Tote hatte seine Geldtasche mit einem namhaften Bargeldbetrag noch bei sich.
Onkel unter Verdacht
„Die Kollegen gingen davon aus, dass das Opfer seinen Mörder kannte. Der Mann wurde mit einer Pistole durch die geöffnete Beifahrertüre erschossen, er hatte keine Chance. Es handelte sich praktisch um eine Hinrichtung“, so Schwendinger und weiter: „Das Umfeld von A. wurde von der Mordkommission genauer untersucht.“

Das Ergebnis: Mehmet A. hatte keinen übertriebenen Lebenswandel geführt, war nicht als Spieler bekannt und eine Eifersuchtstat kam für die Ermittler ebenfalls nicht infrage. Doch schon bald geriet der 54-jährige Onkel des Opfers ins Visier der Fahnder. Der türkische Gastarbeiter, von Beruf Arbeiter, war spielsüchtig und hatte von seinem Neffen immer wieder Geld ausgeliehen. Am Ende waren, so fand die Polizei heraus, zwischen 50.000 und 70.000 Schilling Schulden an Mehmet A. „offen“. Das Verhältnis zwischen Onkel und Neffe war zudem recht getrübt.
Beweislage zu dünn
Der 54-Jährige leugnete seine Beteiligung an der Tat, obwohl Kriminalisten Spuren von ihm im und auf dem Auto, in dem sein Neffe erschossen wurde, sicherstellten. „Doch da der Verdächtige schon früher nachweislich im Wagen des Opfers mitgefahren war, reichten die Spuren nicht als hieb- und stichfestes Beweismittel aus. Außerdem standen den Ermittlern damals nicht so ausgereifte technische Möglichkeiten zur Beweissicherung zur Verfügung, wie wir sie heute haben“, bedauert Schwendinger. Der Tatverdächtige sei bald nach dem Mord in die Türkei zurückgekehrt. Die Bluttat in Hohenems bleibt somit wohl für immer ein Cold Case. Alle anderen Morde, die seit dieser Tat in Vorarlberg begangen worden sind, konnten aufgeklärt werden.