Wo Bludenz süß wurde

Heimat / 29.01.2026 • 13:39 Uhr
Wo Bludenz süß wurde

Das Suchardareal um 1930. Wirtschaftsarchiv Vorarlberg

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BludenzWer heute an der Fohrenburgstraße vorbeigeht, ahnt kaum, dass sich im Brunnental einer der ältesten und wandelbarsten Industriestandorte Vorarlbergs befindet. Seit fast 200 Jahren wird hier produziert, gebaut, umgenutzt – und immer wieder neu begonnen. Kaum ein Ort erzählt die Industrialisierung von Bludenz so dicht wie dieser. Den Anfang machte 1820 die Spinnerei Brunnental. Getzner, Mutter & Gasser, Johann Joseph Ganahl und das St. Galler Unternehmen Daller-Fels errichteten einen schlichten, dreigeschossigen Fabrikbau. Es war ein Pionierprojekt: Erstmals wurde Baumwolle im Walgau industriell verarbeitet. Doch der Aufbruch war kurz. 1832 brannte die Fabrik vollständig ab, ein Wiederaufbau unterblieb – die Gesellschafter hatten ihre Interessen inzwischen an andere Standorte verlagert.

Wo Bludenz süß wurde

Suchard-Siedlung vor dem Abriss 1988.BDA Vorarlberg, Johann Peter

„Ungeeignete Weibsperson“

Auf den Ruinen entstand 1834 ein neuer Betrieb: die Papierfabrik Blum. Anna Maria Blum aus Fußach und ihr Sohn Heinrich ersteigerten das Areal. Dass eine Frau als Antragstellerin auftrat, sorgte für behördliches Zögern – „Weibspersonen“ galten als ungeeignet für eine Gewerbeberechtigung. Produziert wurden Tapeten sowie hochwertiges Schreib- und Zeichenpapier. Der Markt verlangte jedoch billige Massenware, 1879 wurde der Betrieb eingestellt. Ein kurzes Intermezzo der mechanischen Bindfadenfabrik Schaffhausen folgte, ohne nachhaltigen Erfolg. Mit dem Bau des Bludenzer Bahnhofs 1872 und der Arlbergbahn 1884 änderte sich die Perspektive grundlegend. Der Standort wurde international interessant – auch für den Schweizer Schokoladenhersteller Suchard. Das Unternehmen war seit 1887 in Bludenz tätig und kaufte 1890 die Fabrik Brunnental. 1901 kam von hier ein Produkt auf den Markt, das den Ort weltweit bekannt machen sollte: die Milka-Alpenmilchschokolade. In den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Areal ausgebaut. Der viergeschossige, L-förmige Produktionsbau an der Fohrenburgstraße entstand und prägt den Standort bis heute. Die Weltkriege brachten Stillstand und Fremdnutzung, erst 1949 konnte die Schokoladenproduktion wieder anlaufen. Danach wuchs die „Schoklad“, wie die Bludenzer ihre Fabrik nannten, rasant. Technische Modernisierung, Neu- und Umbauten sowie soziale Einrichtungen verwandelten den Betrieb. Aus anfangs 15 Beschäftigten wurden bis in die 1980er-Jahre rund 500 – Suchard wurde zu einem der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt. Zum Unternehmen gehörte auch Wohnbau: Zwischen 1897 und 1905 entstanden in der Suchardstraße villenartige Doppelhäuser für Fachkräfte und leitende Angestellte, später folgten Arbeiterblocks. Vieles davon ist verschwunden, die Erinnerung geblieben. Heute ist der Standort Teil von Mondelēz International. Als wichtiger Produktionsbetrieb für Milka steht Bludenz in einem globalen Konzerngefüge – und zugleich auf historischem Boden. Das Suchard-Lädele und die erhaltenen Fabrikbauten erinnern daran, dass hier Industriegeschichte gemacht und immer wieder neu erfunden wurde. MEC

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Das Suchardareal Bludenz gegen Süden 2013. Böhringer

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Letztes noch vorhandenes Wohnhaus der Suchardsiedlung 2013. Böhringer

Wo Bludenz süß wurde

Die Firma Suchard 2014 von Bahnhofseite aus. volare

Wo Bludenz süß wurde

Die Firma Suchard 2014 aus der Vogelperspektive. volare