“Es gibt immer wieder neue Namen, neue Erkenntnisse”

Das Stadtmuseum und Archiv luden zur Veranstaltung “Bestandsaufnahme Gedenkstein Dornbirn”.
Dornbirn Seit Oktober 1993 steht er unauffällig im Park vor dem Hintereingang des Museums, vielen Stadtbewohnern ist er kaum bekannt – der Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus in Dornbirn. Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust luden vergangenen Dienstag das Stadtmuseum und das Stadtarchiv Dornbirn in Kooperation mit “ERINNERN:AT” und der Johann-August-Malin-Gesellschaft zur Veranstaltung “Bestandsaufnahme Gedenkstein Dornbirn” und gaben Einblicke in die laufende Forschung über die Dornbirner Opfer des Nationalsozialismus. Der Gedenkstein war auch Treffpunkt der Veranstaltung, wo Petra Zudrell, Leiterin des Stadtmuseums, und Werner Matt, Leiter des Stadtarchivs, einen Überblick über die Aktivitäten rund um den Stein der vergangenen Jahre gaben.

Obwohl der Stein statisch sei, sei seine Botschaft nichts Statisches, sondern etwas Bewegliches, erläuterte Petra Zudrell. “Es gibt immer wieder neue Namen, neue Erkenntnisse und andere Vorstellungen, wie man umgehen soll mit verschiedenen Opfergruppen.”

Referate über drei Biografien
Um Einblicke in die laufende (also noch nicht fertige) Forschung zu geben, sprachen im Rathaussaal Barbara Krepl-Haim sowie die Historikerinnen Sabine Nachbaur und Barbara Motter über drei Biografien von Opfern des Nationalsozialismus aus Dornbirn.
Auf die Biografie eines Opfers des NS-Regimes stieß Krepl-Haim im Zuge ihrer Familienforschung über ihren Großvater. Es kam ans Licht, dass dieser einen Bruder hatte, Anton Krepl, von dem sie nie wusste, dass er überhaupt existierte. Ab dem Alter von 27 Jahren war Anton Krepl in Pflegeanstalten in Süddeutschland untergebracht. 1940, im Alter von 34 Jahren, wurde er im Rahmen der NS-Euthanasie (Ermordung von Menschen mit Behinderungen oder psychischen oder unheilbaren Krankheiten) in einer Tötungsanstalt (vermutlich bei Linz) ermordet. Die Familiengeschichte von Barbara Krepl solle zeigen, “dass wir auf private Forschung angewiesen sind”, merkte Barbara Motter, Mitarbeiterin des Stadtmuseums, an, denn die Menschen, die über Deutschland in eine Tötungsanstalt gebracht wurden, seien bei ihnen kaum mehr fassbar.

Durch Zufall, während ihrer Forschung über das Dornbirner Waisenhaus in der NS-Zeit, stieß Sabine Nachbaur auf den Namen Andreas Wrobel. Ein junger Pole, der in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Dornbirn als Zwangsarbeiter tätig war. Nachdem Wrobel arbeitsunfähig geworden war und die Diagnose Schizophrenie erhielt, wurde er in eine Heil- und Pflegeanstalt nach Niederösterreich überstellt, in der sich auch ein elektrischer Tötungsapparat befand. Im Alter von 21 Jahren wurde Andreas Wrobel dort ermordet. Die offizielle Todesursache: Grippe und Lungenentzündung.

“Für unsere Gesellschaft ist es von größter Wichtigkeit, (…) Opfern zumindest einen Teil ihrer Identität, die ihnen das NS-Regime genommen hat (…) wiederzugeben”, betonte Sabine Nachbaur.
Um zu zeigen, dass auch die Lebensgeschichten der bekannten Namen noch nicht fertig ausgeforscht sind und Hinweise von Bürgern immer wieder zu neuen Informationen führen, sprach Barbara Motter abschließend über die Biografie von Maria Wieland, Opfer des NS-Regimes und einzige Frau, deren Name von Beginn an auf dem Gedenkstein steht.
Wie es mit dem Gedenkstein weitergeht? Petra Zudrell dazu: “Es ist sicher, dass er mehr Aufmerksamkeit braucht, (…) es ist alles möglich, ein zentrales neues Denkmal, dezentrale Denkmäler, Stolpersteine. Wir sind als Stadtmuseum gerne dabei, das zu begleiten und hoffen auch auf politische Schritte.” SSU

