„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg

VN / 26.02.2026 • 11:48 Uhr
„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Harald Steinwender von der Lech Bergbahnen AG bereitet eine Handsprengung vor – für das Personal die gefährlichste Methode einer kontrollierten Lawinensprengung.VN/Steurer

Sprengbefugter Raphael Ganahl zeigt, was hinter der explosiven Praxis steckt, und äußert sich zur Frage, ob die vielen Lawinentoten der letzten Zeit vermeidbar gewesen wären.

Darum geht’s:

  • Skigebiet Lech führt achtzehnten Lawinensprengeinsatz der Saison durch.
  • Raphael Ganahl vor allem für Fernauslösungen (Lawinenwächter und Lawinensprengmasten) verantwortlich.
  • Manche Sprengungen werden mit einer Handyapp ausgelöst.

Lech am Arlberg Zwei Schneemobile stehen am Morgen bei der Schlegelkopfbahn-Talstation für den kontrollierten Lawinensprengeinsatz bereit. Im Skigebiet Lech ist es der achtzehnte in dieser Saison – mit insgesamt rund 750 Einzelsprengungen und 1,5 Tonnen Sprengstoffverbrauch. „Das ist im Vergleich zu den Vorjahren noch wenig“, sagt Raphael Ganahl (31), Bereichsleiter für Betrieb und Technik bei der Lech Bergbahnen AG. „In schneereicheren Wintern kommen wir in der Saison auf fünf Tonnen Sprengstoffverbrauch.“

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Die ersten Schritte

Die Einsätze beginnen eigentlich mit Georg Kaufmann, Obmann und Sprecher der örtlichen Lawinenkommission: Kurz vor sechs Uhr morgens prüft er gemeinsam mit seinem Team die Wetterdaten. Anschließend fällt die Entscheidung, ob es einen Einsatz braucht oder nicht. Ist das der Fall, geht eine Nachricht an rund 15 Personen, die sich kurz vor acht Uhr bei der Schlegelkopfbahn treffen. An diesem Morgen sind weniger Mitarbeiter im Einsatz, da es vermutlich nicht viel zu tun geben wird. Aber das Motto lautet: Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig.

„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Georg Kaufmann, Obmann und Sprecher der örtlichen Lawinenkommission, gibt am Morgen den Startschuss für die kontrollierten Lawinensprengungen. VN/Steurer

Während Georg Kaufmann und seine Tochter Angelika, die ebenfalls Teil der Lawinenkommission ist, mit Rucksack und Skiern ausgerüstet die Bahn nehmen, fahren Raphael Ganahl und sein Kollege Harald Steinwender mit Schneemobilen hinauf. Die Pisten sind steil und die sogenannten Ski-Doos schnell, sodass man sich als Laie etwas ängstlich an den Haltegriffen festkrallt. „Wir sind nur 60 km/h, also moderat gefahren“, erwähnt Ganahl beim Ankommen auf der Bergstation Schlegelkopfbahn.

„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Reporterin Katja Grundner mit Raphael Ganahl auf dem Schneemobil. VN

Steinwender rüstet sich hier mit dem Sprengequipment aus, also mit Sprengkapseln und Zündern zum Auslösen der Handsprengungen. Dann geht es weiter zur Kriegerhorn-Bergstation. Von hier aus hat man eine beeindruckende Aussicht auf die Berglandschaft. Der Himmel ist klar und die Sonne strahlt wärmend herab. „Normalerweise arbeiten wir in herausforderndem Wetter mit schlechter Sicht und starkem Wind“, schildert Ganahl aus Klösterle.

„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Raphael Ganahl (li.) und Harald Steinwender (re.) bereitet die Arbeit in den Bergen viel Freude. VN

Kontrollierte Sprengungen

Georg und Angelika Kaufmann sind mit dem Lift auch auf der Kriegerhorn-Bergstation angekommen. Hier steht der Tagesbunker, in dem die Sprengladungen aufbewahrt werden, mit denen sie sich bestücken. Denn die beiden werden sich um die Handsprengungen kümmern: Dabei fahren sie mit Skiern direkt in die Hänge und befestigen dort die Sprengladungen.

„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Pulverförmig patronierter Sprengstoff für die Handsprengung im Tagesbunker.VN
„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Harald Steinwender bespricht sich mit Angelika Kaufmann von der Lawinenkommission. VN

Ganahl ist vor allem für Fernauslösungen verantwortlich, die bei Lawinenwächtern und Lawinensprengmasten eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um fix installierte Auslöseanlagen, die bereits im November mit Sprengladungen bestückt wurden und über eine App ausgelöst werden können. Die Lawinenwächter werfen die Sprengladungen aus. Bei den Lawinensprengmasten hängen die Sprengladungen an Seilen, die über der Schneedecke gezündet werden, wodurch eine Druckwelle entsteht. Nach starken Schneefällen und wenn es das Wetter zulässt, werden auch Hubschraubersprengungen durchgeführt. Dabei wirft man Sprengladungen ab.

„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Ein Lawinenwächter (li.) warf die Sprengladung aus. VN
„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Lawinensprengmasten an der Mohnenfluh. VN
„Lieber einmal zu viel ausrücken als zu wenig“ – Lawinensprengungen am Arlberg
Im Skigebiet Lech werden auch Hubschraubersprengungen durchgeführt. privat

Ganahl und Steinwender fahren weiter zur Skipiste „Mohnenmähder“, wo sie auf circa 2200 Metern halten. Von hier aus sieht man die Lawinensprengmasten der angrenzenden Mohnenfluh. Steinwender nimmt sein Handy heraus, initiiert den Prozess in der App, bekommt einen SMS-Code, tippt diesen ein und circa eine halbe Minute später ertönt ein erschreckender Knall im Berg. Doch die erwartete Lawine bleibt aus. „Hier haben wir erst gestern eine kontrollierte Sprengung durchgeführt und es gab einen Abgang. Dass es heute keinen mehr gibt, bedeutet, dass der Bereich sicher ist.“

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Harald Steinwender beim Auslösen eines Lawinensprengmastens über die Handyapp. VN

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Lawinentote

In dieser Saison gab es in Österreich bereits 26 Lawinentote, davon 13 in Tirol und zwei in Vorarlberg am Sonnenkopf. Ein hoher Wert, verglichen mit dem Vorjahr, in dem in der gesamten Wintersaison acht Menschen ums Leben kamen.

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Ob man einige dieser Vorfälle durch kontrollierte Lawinensprengungen verhindern hätte können? „Nein, das ist die Natur. Alles können wir nicht absichern“, sagt Ganahl. Schlussendlich bleibt der Erfolg von Präventionsarbeiten wie Lawinensprengungen weitgehend unsichtbar, weil sich verhinderte Katastrophen nicht beziffern lassen.

Zahlen und Fakten:

  • In dieser Saison gab es in Österreich bis jetzt 26 Lawinentote.
  • Zwölf davon stammten aus Österreich, 14 aus dem Ausland.
  • 15 waren als Variantenfahrer unterwegs, zehn starben bei einer Skitour und eine Person beim Bergwandern.
  • Im Durchschnitt gab es in den vergangenen zehn Jahren in der gesamten Wintersaison jeweils 16 Tote.

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